richblog 0018: Lesen bildet (5)

2012-11-15


Nein, Kopfschütteln ist heute gar nicht angesagt – der Opa kann auch Spaß haben. Und genießen.

Denn das ist die gute Nachricht heute, Ihr Lieben da draußen: Es gibt immer noch und immer wieder gute Bücher. Bücher, die zu lesen ein Vergnügen ist, die einem was erzählen darüber, wie die Menschen sind und einem zumindest einen Hauch von Ahnung davon vermitteln, warum sie so sind; Bücher, deren Lektüre einen schmunzeln, plötzlich laut auflachen und im nächsten Moment vor Rührung und Mitgefühl ganz still werden lassen und die man, einmal gefangen, gar nicht wieder loslassen kann, bis die gefürchtete letzte Seite erreicht ist und man in dem wehmütigen Zustand zurückgelassen wird, den man vom letzten Akkord des letzten Songs von Astral Weeks kennt oder vom letzten Anblick der winkenden Hand im Zugfenster der abreisenden Geliebten: Und was jetzt? Zurück ins wirkliche Leben etwa? Wie furchtbar!

Ich muss gestehen, ich hatte von der Autorin noch nie etwas gehört; dabei ist dies ihr – so viel ich weiß – zehntes Buch, und für ältere ihrer Bücher hat sie schon jede Menge Preise eingeheimst, und ein paar davon wurden bereits verfilmt. Bedauerlich, einerseits, was man da schon so lange verpasst hat, wie erfreulich, andererseits, dass man doch immer wieder neues Schönes entdecken kann.

Ich rede von der Kollegin Annegret Held. Und von ihrem Roman Apollonia.

Apollonia erzählt die Geschichte von – nein, vier Geschichten.

Andersrum. Marie erzählt.

Marie erzählt die Geschichte ihrer Großmutter Apollonia, die in einem Dorf im Westerwald ein langes, ereignisreiches und keineswegs leichtes Leben hatte. Zitat: Es war also nicht so, dass sie nichts vom Leben hatte. Das hat sie nur immer behauptet. Sie genoss das frische Brot und sie genoss die Kirschmarmelade und sie genoss am Sonntagmorgen den Radetzkymarsch im Radio. Dann war sie fröhlich und sang ein wenig, aber sie gab es einfach nicht zu. Das Leben ist ein Scheißdreck, sagte sie weiterhin.

Und Marie erzählt die Geschichte dieses Dorfes, des (fiktiven?) kleinen Dörfchens Scholmerbach im Westerwald, über dessen Höhen der Wind so kalt, eine Geschichte vom Schuften und vom Feiern, vom Miteinander-auskommen-Müssen und vom Niemanden-allein-Lassen. Vom Sägewerk und vom Misthaufen-akkurat-Ausrichten, vom Kartoffelnausbringen und vom Schnapsbrennen, vom Fluchen und vom Beten, vom Lieben und Sterben. Und immer wieder vom Feiern – Zitat: Da war ich wieder wach, da kam nämlich die klare, frische, rabenschwarze Dorfnacht, die Sommernooscht und Bloiteduft, die sich auftun, da muss man nichts mehr sehen, da muss man nur noch hin und her wanken und sich glücklich schätzen, vom Rausch des Bieres in den Rausch der nächtlichen Blütendüfte hinüber zu taumeln.

Außerdem erzählt Marie, wie auch die Abgelegenheit dieses Dorfes es nicht davor schützt, von zwei weit, so weit entfernten Weltkriegen heimgesucht und durchgerüttelt zu werden, und sie schildert in schönster Einfachheit, wie so etwas Verheerendes wie Nationalsozialismus sich selbst in der bescheidensten Idylle breitmachen konnte. Und wahrscheinlich, so steht zu befürchten, immer noch kann.

Und nicht zuletzt erzählt Marie ihre eigene Geschichte, zumindest die ihrer Jugendzeit, der Zeit des Erwachsenwerdens und Aufwachens, des schmerzlichen Konflikts zwischen Heimatverbundenheit und Fernweh – und natürlich der einschneidenden, unvergesslichen ersten Liebe. Es ist das Jahr 1977, und Marie ist sechzehn. Zitat: Ich war so ungeduldig und sehnsuchtsvoll, wie man mit sechzehn nur sein kann. Ich hatte mich in meine engste Jeans gequetscht und meine schönste Folklorebluse angezogen mit türkiser Stickerei überall und meine Clogs klapperten so laut auf der Straße, dass überall die Fensterläden herunterfielen. … Außerdem duftete ich derart nach My Melody, dass Bea unterwegs im Auto sagte, wir müssten das Fenster aufmachen, sonst würden wir ersticken.

Und wenn Ihr bis hierher noch nicht auf den Geschmack gekommen seid – in diesem kunstvoll verwobenen Vier-Geschichten-Reigen hüpfen vor unseren Augen immer wieder unzählige kleine weitere Geschichten durchs Bild: Von Großvater Klemens, der einem vorkommt wie ein früher Hippie, vom Dorfarzt, der Rippenbrüche mit Leberentzündungen verwechselt, von dreifingrigen Zimmerleuten, die ihr Glück in Frankreich suchen, von amerikanischen Soldaten, die sich im exotischen Westerwald stationiert wiederfinden, vom Wirt der Waldeslust, einem so progressiven Spinner, dass … Zitat: …und dann servierte er auch noch Wein! Ganz übergeschnappt! Der erste Mensch, der in Scholmerbach Wein servierte!

Bevor ich jetzt völlig ins Schwärmen gerate: Ein echtes Lesevergnügen! Merken, bitte!



’ne schöne Jrooß - Rich