richblog 0014: I'm an animal

2011-10-13


I'm an animal … sang Eric Burdon in den 60er Jahren.

Der Kleine Prinz meinte: „Den Menschen fehlt es an Phantasie“.

Und der Gott Moses’ sprach: „Lasst uns Menschen machen, ein Bild, das uns gleich sei“.

Rätselstunde: Was haben Eric Burdon, der Kleine Prinz und dieser Gott gemeinsam?

Wir wollen an dieser Stelle mal auf dräuend-nerviges Synthesizer-Gewaber verzichten, die Nebelmaschine bleibt aus, und es fummelt auch niemand hektisch am Lichtmischpult herum und lässt augenschädliche Laserkanonen durch die Bude ballern – aber, tja, einen kurzen Werbeblock kann ich Euch nicht ersparen:


Beim rührigen und qualitätsbewussten Kölner Label Meyer Records ist gerade die neue Compilation Meyer Records volume 3 erschienen. Das wäre an sich schon eine erfreuliche Nachricht für geschmackssichere Musikliebhaber, aber auf dieser Ausgabe hat Produzent Werner Meyer dem Opa noch eine ganz besondere Freude gemacht: Er hat ihm erst im Studio für zwei Songs die entzückende eLa Paul (of Wonderwall fame)  zur Seite gestellt, und dann findet der Opa sich auf der fertigen Zusammenstellung mit einem der Songs auch noch zwischen Robert Coyne und Willy DeVille wieder …! Was war noch mal meine Antwort auf die Frage meiner Mutter, mit wem ich mich denn schon wieder herumgetrieben hätte, als ich 1965 eines Adventabends mit einem gebrochenen Nasenbein und Klamotten voller Blut nach Hause gewankt kam:

„Wie immer, Mutti, in bester Gesellschaft!“

Ein Beweis mehr, dass früher nicht alles besser war – das Gute hält sich zuweilen, selbst über 46 Jahre …


Zurück zum Quiz.

Was also haben Eric Burdon, der Kleine Prinz und dieser Gott gemeinsam? Richtig: Sie sind Tier, außerirdisch oder überirdisch. Und sprechen von uns anderen als die Menschen.

Schon taucht die nächste Rätselfrage auf: Was ist Angela Merkel? Ja, Bundeskanzlerin, ich weiß – aber darüber hinaus? Ein Tier? Eine Außerirdische? Eine Überirdische gar? Oder was sonst mag sie dazu bewegen, von den Bürgern ihres und unseres, also dieses Landes als die Menschen zu reden? Der Aufschwung, heißt es in ihrer „Halbzeitbilanz der christlich-liberalen Bundesregierung“, der Aufschwung kommt bei den Menschen an. Also bei uns. Wieso eigentlich nicht bei ihr und all den anderen Pappnasen, die diese Floskel ständig benutzen, ohne auch nur ins Stocken zu geraten oder rot zu werden? Geht’s denen schlechter als uns Menschen? Freuen die sich nicht, dass das Bruttoinlandsprodukt 2010 um 3,7 Prozent zugelegt hat? Dass es hierzulande zum ersten Mal seit Jahrzehnten weniger als drei Millionen Arbeitslose gibt? Dass die Löhne 2010 um 2,4 Prozent gestiegen sind – so stark wie zuletzt vor 20 Jahren? Dass der Regelsatz in der Grundsicherung (ALG II) um fünf Euro gestiegen ist und 2012 noch einmal erhöht wird? Ja, worunter leiden die denn? Unter einem schlechten Gewissen, vielleicht?

„Mann, Opa, weswegen sollten die denn ein schlechtes Gewissen haben, bei all den positiven Meldungen“?

Positive Meldungen?! POSITIVE MELDUNGEN …?!?!??!

Ja, klar, natürlich ist es eine positive Meldung, wenn ich erkläre, das, was eines dieser Veranstaltersensibelchen mir neulich in die Garderobe gestellt hatte, sei ausgesprochen seniorenmagenfreundlich gewesen. Aber ändert das was daran, dass es in Wahrheit ungenießbare, pisswarme Plörre war?

Nö.

Erzählt das außerirdische Merkel-Tier den Menschen, was der Preis für ein um 3,7 Prozent gewachsenes Bruttoinlandsprodukt ist? Redet sie vom dritten Platz dieses Landes auf der Weltrangliste der Waffenproduzenten und -exporteure? Redet sie von Millionen und Abermillionen von Menschen, die verhungern, weil neuerdings Lebensmittel statt in deren Mägen in den Tanks unserer Autos landen? Redet sie von Millionen und Abermillionen Aids-Kranken, die ohne Hoffnung sind, weil sie sich die Medikamente unserer am Aufschwung großzügig beteiligten Pharmaindustrie nicht leisten können? Redet sie von Millionen und Abermillionen von Landminen made in Germany, denen Zigtausende für Aufschwung sorgende Minensuch- und räumgeräte hinterher geschickt werden?

Nö.

Taucht in ihrer verschissenen Bilanz irgendwo die Information auf, dass sich kaum einer der mit 2,4 Prozent Lohnerhöhung Beglückten ein sorgenfreies Leben in diesem Land noch leisten kann, weil die Inflationsrate   – dank drastisch gestiegener Lebensmittel-, Energie- und Mietpreisen inzwischen auf 2,6 Prozent, der sogenannte Harmonisierte Verbraucherpreisindex seit letztem Jahr sogar um 2,9 Prozent gestiegen ist? Kommen ihr beim Thema Arbeit und Lohn die Jahre des „Tariffriedens“ in den Sinn, als Millionen der Menschen, die überhaupt noch einen Job hatten, sich auf Nullrunden, Kurzarbeit, Sonderschichten, Kürzungen von Zulagen und Streichungen von Weihnachtsgeldern und Urlaubsgeld einzulassen gezwungen sahen, um ihre beschissenen Jobs überhaupt behalten zu können? Flattert auch nur eine ihrer Wimpern aus Verlegenheit darüber, dass in der gleichen Zeit Abgeordnetendiäten um mindestens 10 Prozent und die Bezüge von Banken- und Konzernvorständen und -aufsichtsräten um schätzungsweise 300 Prozent gestiegen sind?

Nö.

Und so viel den Kopp schütteln, wie es als Reaktion angebracht wäre darauf, dass jemand feiert (sich selbst feiert, auch noch), dass eine so genannte Grundsicherung um einen Heiermann im Monat erhöht wurde, mag der Opa schon gar nicht – er möchte seinen Kopf schließlich gerne noch ein Weilchen behalten.

Aber apropos feiern – gefeiert werden in der Kanzlerinnen-Halbbilanz auch noch messbare Fortschritte beim Bürokratieabbau: Die Bürokratiekosten der Wirtschaft seien um elf Milliarden gesunken. Die Bürokratiekosten der Wirtschaft, wohl gemerkt, nicht der Politik, nicht der Verwaltung, nicht der unsäglichen bundesdeutschen Föderalismus-Schreibtischtäterei.

Nö.

Was übrigens auch nicht vorkommt in dieser christlich-liberalen Bilanz, ist der Fortschritt der Wahlergebnisse der FDP.

Dabei wäre das doch eine so schöne Gelegenheit gewesen, darauf hinzuweisen, was das Wahlvolk – die Menschen – doch für ein undankbares Pack ist. Weiß nicht mal zu würdigen, dass die Bundesregierung ab 2014 mit nahezu ausgeglichenen öffentlichen Haushalten in Deutschland rechnet.

Wow.

Mal davon abgesehen, dass ich Ähnliches schon gehört habe, seit ich zum ersten Mal begriff, weder meine Großmutter noch Lehrer Welsch noch Wachtmeister Nemczek regieren meine kleine Welt, sondern eine Bundesregierung – was glaubt die, wer das glauben soll, erst recht eingedenk dessen, dass noch jeder bundesdeutsche Finanzminister die Schulden der Menschen (und zwar jeder einzelne von denen entgegen all seiner Wahlversprechen) in Höhen hat steigen lassen, die jedem verantwortungsbewussten Kassenwart schlaflose Nächte bereitet hätten. Und noch erster und noch rechter eingedenk dessen, dass solch ein vollmundiges Versprechen karnevalskamellenartig unters Volk geworfen wird in Zeiten, wo hunderte von Milliarden Steuerzahler-Ören skrupellosen Spekulanten, Heuschrecken und Aasgeiern hinterher geworfen wird.

Aber wahrscheinlich sieht der Opa das alles bloß wieder viel zu schwarz.

Immerhin können sie es sich leisten, auf all die Getränkesteuer zu verzichten, die er (und etliche seiner alten Kumpels) demnächst nicht mehr zahlen wird, weil es ihm aber auch nicht den geringsten Spaß macht, nichtrauchend in Nichtraucherkneipen vor einem Bier zu hocken.

Nein, der Opa wird sich jetzt mal schlau machen, wie und wie viel Bier man aus 500 Quadratmetern Brennesseln brauen kann.




’ne schöne Jrooß - Rich