richblog 0007: Leselust

2011-02-15


Waren das noch Zeiten – der Opa an der Ecke seiner Theke auf seinem Hocker festgetackert, und mit jedem und jeder, der oder die an ihm vorbei kam, und das waren eigentlich alle, die im Laufe so eines nullzwei-Abends mal die Toilette aufsuchen mussten, durfte er ein Bier trinken. Und Fragen beantworten.

„War XY heute schon hier?“

„Haste mal die Telefonnummer von YZ?“

„Kennste nich ’n Gitarristen für unsere neue Band?“

„Was soll ich denn als Nächstes lesen?“

„Was soll ich bloß mit meiner Alten/meinem Alten machen – die/der war schon wieder besoffen/letzte Nacht nicht zuhause/auf ‘nem ganz komischen Trip?“

Für die Beantwortung mancher dieser Fragen war dann zum Bier auch schon mal ein Apfelkorn fällig. Verständlich, vor allem angesichts der letzteren Variante.

Tempi passati.

Aber: Immer wieder mal werde ich noch nach Lesetipps gefragt. Da würde ich heute mal als Erstes die Harry-Hole-Krimis des Norwegers Jo Nesbø empfehlen. Inzwischen gibt’s sieben oder acht Bände, die ich neulich innerhalb von zwei Wochen hintereinander weg verschmökert habe. Ein überaus sympathischer, weil voll aus dem Leben, wie unsereins es kennt, durch dieses Leben stolpernder Protagonist, tolle Nebenfiguren (die auch schon mal auf S. 300 sterben, nachdem man sie 299 Seiten lang lieben gelernt hat), spannende Plots mit ziemlich überraschenden Finten und Wendungen, am Puls der Zeit, der Gesellschaftskritik nicht abhold, sex & drugs (aka alcohol) & gelegentlicher rock’n’roll ...

Als Ermüdungsfaktor empfand ich allenfalls auf Dauer des Autors Hang zu der einen oder anderen Plotwendung zu viel, und was mich seit ein paar Jahren sowieso zunehmend langweilt, ist, dass kein Krimi heutzutage mehr auszukommen scheint (auskommen darf?) ohne einen Serientäter, der zum einen jeden seiner Vorgänger an Metzgerfantasien und deren akkurater Durchführung übertreffen muss und zum anderen immer dreimal so intelligent ist wie sechzehn hochqualifizierte Ermittler, Profiler etc. zusammen. Und am Ende dann doch wieder über irgendeine Dämlichkeit stolpert, die meist seiner Eitelkeit zuzuschreiben ist.

Und beim Stolpern erwischt wird er natürlich dank der Intuition eines depressiven, alkoholkranken Einzelgängers, der aus jeder realen Polizeitruppe längst achtkantig rausgeflogen wäre und dem man nicht mal einen Job als Schülerlotse anvertrauen würde.

Als hätt’ ich’s nicht schon immer gesagt: Wir müssen einfach mehr Bier trinken, Kinners.


Und apropos skandinavische Thriller – Stieg Larsson ist ja eh klar. Überraschend und erfreulich daran im Übrigen die gelungene Verfilmung, die derzeit im ZDF zu sehen ist. Wie ja überhaupt die Kollegen im Norden in letzter Zeit ein ausgesprochen feines Händchen für Fernsehkrimis zeigen – einen Typen wie Gunvald Larsson bei Kommissar Beck z.B. würde ich gerne mal in einem Tatort sehen, und von fantastischen Serien wie Der Adler oder Kommissarin Lund konnte man ja bisher als deutscher Zuschauer nur träumen. Und wenn’s dann mal ausnahmsweise was Adäquates gibt, entdeckt man es allenfalls per Zufall und oft genug zu spät, so dass man wieder nur auf Wiederholungen hoffen oder sich trotz happiger GLZ-Gebühren auf dem DVD-Markt umgucken darf – weil irgendwelche Programmdirektoren (was muss man eigentlich an Qualifikation vorweisen – außer dem richtigen Parteibuch –, um so was zu werden?) den KDD oder Im Angesicht des Verbrechens auf Mitternachtsplätze in Spartenprogrammen geschoben haben.

Erfreulicher Lichtblick neuerdings: Charlie Hübner im Polizeiruf 110.


Aber bleiben wir beim Lesen. Kann uns weder ein längst eingeschlafenes Tatort-Team noch ein ignoranter Programmdirektor versauen. Und können wir tun, wann, wo und wie lange wir wollen.

Ein herrliches Buch über das Lesen gibt es im btb-Verlag: „Die wunderbaren Falschmünzer – ein Romanverführer 1800 bis 1930“, von Rolf Vollmann. Mit einer solch profunden Kenntnis der mit feinstem Humor beschriebenen Materie von Hölzchen auf Stöckchen zu kommen ringt mir höchste Bewunderung ab. Muss man nicht nur nicht, sondern kann man gar nicht an einem Stück lesen – von den 1040 Seiten abgesehen, erschlägt einen fast die schiere Menge an Informationen, Namen, Querverweisen, Vor- und Rückblenden und Fußnoten; das aber ohne auch nur eine Seite lang bildungsprotzend akademisch oder gar langweilig daher zu kommen. Ein wahrer Lesegenuss, und natürlich macht die Lektüre tatsächlich enorme Lust darauf, sich so manches der darin aufgeführten Werke (noch mal) zu Gemüte zu führen.

Wobei ich selbst ja eigentlich an diesen alten Schinken, und seien es noch so Klassiker, gar nicht so interessiert bin – nun hoffe ich inständig, von Herrn Vollmann mit dem Nachfolger beschenkt zu werden, in dem er all die Bücher des 20. Jahrhunderts verhandelt, die ich in meinem Leserattenleben verschlungen habe – von Atwood bis Zabor, von Böll bis Vian und von Chandler bis Vachss ...

Stirbt nicht die Hoffnung zuletzt?

Kilometerweise könnte ich aus diesem völlig zu Recht mit „Roman-Verführer“ untertitelten Werk herrlichste Fundstücke zitieren – ich beschränke mich auf ein besonders schönes:

1803 schickte Jane Austen das Druckmanuskript von „Northanger Abbey“ an einen Verleger. Die Verfasserin kriegte 10 Pfund dafür; er tat aber sonst nichts. Das Buch erschien erst viele Jahre später, nachdem sie ihm das Manuskript wieder abgekauft hatte (sie starb vor der Veröffentlichung) – der Verleger hatte nicht gemerkt, dass die Verfasserin mittlerweile berühmt geworden war.

Pünktchen, Pünktchen, Pünktchen, kann ich da nur sagen. Und hoffen, dass der eine oder andere meiner Ex-Verleger diese Rubrik hier auch mal liest.

Wie war das mit der Hoffnung ...?




’ne schöne Jrooß - Rich