richblog 0017: Klatschmarsch

2012-10-09


Ja, hallo erst mal.

Ich weiß nicht, ob Ihr es schon wusstet – aber es gibt ein Bayerisches Finanz Zentrum.

Früher, als alles noch besser war und aus Holz, und als Rechtschreibung noch etwas galt, hätte man Finanzzentrum in einem Wort geschrieben, aber wie man bereits an der Schreibweise erkennen kann, handelt es bei diesem Bayerischen Finanz Zentrum um einen hochmodernen Laden. Dort tun sie ja auch hochmoderne Dinge: Das Bayerische Finanz Zentrum, oder BFZ, wie wir Insider gleichzeitig zeitsparend, lässig und liebevoll sagen, mittelt – so steht es jedenfalls auf seiner Website – als unabhängige Plattform des Clusters Finanzdienstleistungen in Bayern innovative Projekte zwischen Wissenschaft und Praxis im Finanzsektor. Daneben organisiert und begleitet das BFZ Veranstaltungen für den Ausbau der Vernetzung von Wissenschaft und Wirtschaft.

Das mag jetzt dem einen oder der anderen von Euch nicht allzu viel sagen.

Aber dafür habt Ihr ja den Opa.

Cluster, liebe Kinder, ist das englische Wort für eine ganze Menge deutscher Worte – es kann, z.B., Gruppe heißen oder Schwarm, Häufung oder Nest, Bündel, Büschel oder Ballung … Oder Klumpen. Aber "der Klumpen Finanzdienstleistungen" klingt natürlich ein bisschen komisch und, egal wie zutreffend diese Deutung sein mag, nicht sehr Vertrauen erweckend. Deshalb verwendet man in solchen hochmodernen Läden ja auch lieber englische Wörter - die sagen da beispielsweise auch nicht Versicherung, sondern insurance. Oder sie nennen Kapitalbeteiligungsgesellschaften und Wagnisfinanzierungsgesellschaften Private-Equity-Gesellschaften. Wobei Ihr euch sicher zu Recht fragt, wieso sie die, wenn sie schon das Englische so lieben, erstens nicht private equity corporations nennen, sich zweitens hier plötzlich wieder auf den guten alten Bindestrich der deutschen Rechtschreibung besinnen und drittens Private Equity groß schreiben, obwohl in der englischen Rechtschreibung nur Eigennamen groß geschrieben werden. Auch das kann der Opa Euch erklären: Alles, was mit Recht zu tun hat, ob -schreibung, -sprechung oder -schaffenheit, ist in den Augen und im Denken der Leute, die in solchen Läden arbeiten, eine ausgesprochen flexible Angelegenheit.

Nehmen wir als Beispiel nur mal diese Private-Equity-Gesellschaften; auch hierfür gibt es selbstverständlich eine Abkürzung, denn Zeit ist schließlich Geld – sie heißt PEG (ja, genau: wie Al Bundys Frau). Was machen diese Gesellschaften nun, wozu sind sie da? Na, das steht doch in Wikipedia:

Für in PEG investierende Banken, Versicherungen, Pensionskassen, vermögende Privatleute oder amerikanische Privatuniversitäten sind Private-Equity-Fonds wegen der meist unübersichtlichen Vertrags- und Beteiligungsstrukturen eine Möglichkeit, sich am Kapitalmarkt zu betätigen, ohne im Misserfolgsfall einzelner Investments finanziell in Haftung genommen zu werden. Würden die Investoren direkt … investieren, müssten sie aufgrund ihrer gesellschaftlichen Verantwortung und zum Schutz ihres kaufmännischen Rufes finanziell geradestehen. Die Investoren erhalten bei den PEGs Anonymität und damit Schutz vor einer finanziellen Haftung. Dies wird erkauft mit erheblichen Gebühren für das Fondsmanagement sowie durch überproportionale Erfolgsbeteiligungen zugunsten der Fondsinitiatoren.

Dem SPD-Politiker Franz Müntefering fiel in dem Zusammenhang einmal der Begriff "Heuschrecken" ein. Womit wir dann ja auch wieder beim Schwarm wären (und das hat jetzt rein gar nichts zu tun damit, dass der Opa für Jody Foster oder Trixie Whitley schwärmt!) – anscheinend haben die Jungs und Mädels in dem Bayerischen Laden den Begriff cluster doch mit Bedacht gewählt. Wobei ich jetzt gar nicht weiß, wie Herr Müntefering darauf kommt – so ein Heuschreckenschwarm, der fällt über ein Weizenfeld her und frisst ratzekahl alles weg; aber die PEGs (nicht zu verwechseln mit pigs!), die betätigen sich doch nur am Kapitalmarkt

Sagen sie.

Es gibt aber noch mehr Leute, die das ein wenig anders sehen. Noch mal Wikipedia:

Der weltweite Anteil von PEGs an Unternehmenskäufen lag im Jahr 2000 noch bei 3 %. 2004 war er auf 14 % angewachsen und hatte ein Volumen von 294 Milliarden Dollar erreicht. Um Käufe von sehr großen Konzernen vornehmen zu können, bilden die Private-Equity-Gesellschaften teilweise Bietergemeinschaften.

Infolge der Finanzmarktkrise ist Ende 2008 das Geschäft der PEGs auf ganzer Linie eingebrochen. 2009 betrug das Volumen der bekanntgegebenen Transaktionen in Deutschland nur noch 1,1 Mrd. Euro – ein Rückgang von mehr als 80 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. …

Als Reaktion auf die Finanzmarktkrise hat die Europäische Kommission im Dezember 2010 die AIFM-Richtlinie (Alternative Investment Funds Managers) verabschiedet. Ziel dieser Richtlinie ist unter anderem die Reglementierung von Private-Equity-Fonds und Hedge-Fonds. Die Richtlinie soll bis 2013 in allen europäischen Mitgliedstaaten in nationales Recht umgesetzt werden.

Und da kommen wir, nach dieser langen Einleitung voller notwendiger Erklärungen, auch endlich zum Thema Klatschmarsch. Das BFZ hat nämlich, wie jeder Karnevalsverein, einen Präsidenten (genauer gesagt, hat es sogar zwei, aber das soll hier jetzt keine Rolle spielen). Der hat sogar auch einen Elferrat; nur heißt dieser dort Kuratorium (das, zur weiteren Erklärung, ist so was wie ein Aufsichtsrat – das Wort Kuratorium kommt ausnahmsweise nicht aus dem Englischen, sondern aus dem Lateinischen, wo curare jetzt nichts mit dem tödlichen indianischen Pfeilgift zu tun hat, sondern so viel wie Sorge tragen bedeutet). Im Kuratorium des BFZ sitzen (Stand 2009), unter anderem, Abgesandte von der Allianz, der Börse München, der BayernLB, dem Bayerischen Bankenverband, den Bayerischen Beamtenversicherungen, der HUK Coburg und der Münchener Hypothekenbank … (Tja, so viel zu dem Attribut unabhängige Plattform …)

Zurück zum Präsidenten. Tusch. Zu dem einen, jedenfalls. Der heißt Wolfgang Gerke, und der ist nicht, wie bei manchen Karnevalsvereinen, Bauunternehmer, Spediteur oder Installateur – sondern sogar Professor. Professor für Bank- und Börsenwesen. Im Ruhestand. Aber als Experte für Bank- und Börsenwesen noch sehr rührig, in Radio und Fernsehen, zum Beispiel, oder als Vortragsredner oder als Mitglied in dem einen oder anderen Aufsichtsrat (kann der Opa auch gut verstehen – wenn er da so an seine eigene Rentnerzukunft denkt …) (Seufz …).

Professor Gerkes Expertisen haben auf den Finanzmärkten großes Gewicht – wenn man sich auch fragen kann, wieso (Wikipedia, wieder): Zitat Gerke: "Aktien der Solar Millennium AG würden sich prinzipiell aufgrund der internationalen Marktorientierung des Unternehmens auch für langfristige Engagements eignen, da der Markt solarthermischer Stromerzeugung nicht direkt abhängig von politischen Veränderungen auf deutscher Bundesebene sei." Bis heute hat die Aktie ausgehend vom ersten Kurs an der Börse München … annähernd 99 Prozent ihres Wertes eingebüßt (Stand: März 2012). Im Dezember 2011 meldete die Gesellschaft Insolvenz an. Gerke sieht sich nun mit dem Vorwurf konfrontiert, die Werbetrommel für das Unternehmen gerührt zu haben. Bei der Insolvenz des Konzerns haben rund 30.000 Anleger und Aktionäre mutmaßlich einen dreistelligen Millionenbetrag verloren.

Huijuijui … Also, wenn ich noch in der Wirtschaft tätig wäre, hätte der gute Professor Schwierigkeiten, von mir noch ein Bier zu bekommen (außer vielleicht gegen Vorkasse).

Bin ich aber nicht. Weswegen ich ja auch nicht an den 20. Mönchengladbacher Wirtschaftsgesprächen teilgenommen habe; he, ich war nicht mal eingeladen.

Der Herr Professor schon. Er durfte sogar als Hauptredner in die Bütt.

Das heißt, eine Bütt gab es gar nicht. Der Herr Professor stand, wie man im IHK magazin (da ist sie wieder, die moderne "Recht"schreibung …) vom Oktober 2012 sehen kann, da freihändig auf einer kleinen Bühne, in einem beigefarbenen Anzug, der teurer aussah als Opas Auto, trug zum blütenweißen Hemd eine neckische rote Fliege und sprach, die Linke lässig in der Hosentasche, ohne Manuskript zum Thema Wohin steuert Europa?

Und was sagte er da so, unter anderem?

Er sagte, unter anderem, und hier schließt dieser Beitrag im richblog quasi nahtlos an den letzten an: "Es kommt für die Zukunft darauf an, sich auf seriöses Wirtschaften zurückzubesinnen." (Ob ihm das dieses Jahr eingefallen ist, und ob es da einen Zusammenhang mit dieser Richtlinie der Europäischen Kommission gibt, die nächstes Jahr in allen EU-Staaten umgesetzt werden soll? Hm, der Opa kann ja nun nicht alles wissen, und er kann Euch auch nicht alles erklären …)

Ob so eine Aussage (also, die von Herrn Gerke jetzt) als Geständnis vor Gericht zugelassen wird …?

Ja, Ihr habt richtig gelesen – er sagte, vor 300 Gästen: "Es kommt für die Zukunft darauf an, sich auf seriöses Wirtschaften zurückzubesinnen."

Ob das als Geständnis vor Gericht zugelassen wird …?

Noch mal: Der Mann ist Experte für Bank- und Börsenwesen. Und Präsident des Bayerischen Finanz Zentrums. Ein Laden, der (Originalton BFZ-Website) … in seiner Mittlerrolle die Transparenz des bestehenden Lehr- und Forschungsangebots an bayerischen Hochschulen … erhöht. Wir koordinieren insbesondere anwendungsorientierte Forschungsvorhaben im Finanzdienstleistungsbereich. … Wir intensivieren den Dialog zwischen Unternehmen, Hochschulen und Forschungseinrichtungen … zahlreiche weitere Features zur Unterstützung der Kooperation von Praxis und Wissenschaft.

Und er sagt (wir lassen uns das gerne noch mal auf der Zunge zergehen): "Es kommt für die Zukunft darauf an, sich auf seriöses Wirtschaften zurückzubesinnen."

Tusch. Klatschmarsch.



’ne schöne Jrooß - Rich