richblog 0010: Landleben

2011-06-10


Ab und zu lande ich ja doch mal wieder an einer der mir altbekannten Tresen in Köln und treffe andere Altbekannte. Und mindestens jeder Dritte von denen wundert sich:

„Was, du wohnst jetzt schon vier Jahre da draußen am Niederrhein? In der finstersten Provinz? Ist das nicht todlangweilig?“

Überhaupt nicht, kann ich die dann beruhigen. Da ist immer was los. Das wiederum erfahre ich manchmal am Tresen unseres Dorfkrugs. Oder aus dem Erftkurier, dem Top-Kurier oder der Jucunda. Das sind vom blasierten Großstädter oft herablassend Käseblättchen genannte Zeitschriften, die jede Woche gratis und unaufgefordert in meinem Briefkasten landen und durch die ich nicht nur immer auf dem Laufenden bin, sondern dank der zahlreichen Werbebeilagen in jeder dieser Ausgaben auch jeden Monat auf cirka fünfeinhalb Kilo Futter für unsere Altpapiertonne komme. Während ich gleichzeitig, für unser aller Umwelt, natürlich weiterhin daran arbeite, ein weitgehend papierloses Büro hinzukriegen.

Ihr werdet wahrscheinlich nicht so sonderlich interessiert sein daran, welche neuen Königspaare die drei Dutzend Schützenvereine in meiner Gegend neuerdings anführen, wann und wo das gefeiert wird oder dass die Senioren meines Heimatdorfs höchst zufrieden mit ihrer gemeinsamen Schiffstour auf dem Rhein waren (nein, ich war nicht dabei!) – aber zwei Meldungen habe ich in den letzten Monaten gefunden, die ich Euch nicht vorenthalten möchte …


1. Auch wenn der Himmel über G’dorf nicht gerade festlich erstrahlt, haben die Schützen aus dem Grevenbroicher Süden dennoch – neben dem Königspaar – in diesem Jahr einen besonderen Glanzpunkt: Erstmals gibt es im Zug eine Artillerie-Kanone. Sie ist 609 kg schwer und befindet sich auf einem 11,5 m langen Kanonenwagen, der von vier Pferden gezogen wird.

Die Idee dazu hatten H.O. und H.R. schon vor 20 Jahren, im vergangenen Jahr wurde dann Ernst gemacht: Der „Artilleriezug G’dorf“ wurde gegründet und in diesem Jahr ist er erstmals mit im Zug.

Wie Zugführer M.H. berichtet, war es nicht ganz einfach, einen Stellmacher zu finden, der die „dicke Berta“ auf Räder setzt. Der erste Versuch scheiterte. Dann entdeckte „Kanonier“ T.S. im Internet die Familie P. in R. Die baute das Ensemble – die Kosten liegen im fünfstelligen Bereich und werden durch sieben Zugmitglieder geteilt. Hinzu kommen Sponsorengelder; deshalb fährt F.F. von der Raiffeisenbank auch in diesem Jahr auf der Kanone mit.

Es ist Absicht, dass die Kanone nicht schießen kann. Das wollten Zug und Schützenverein so. Und wenn die Pläne aufgehen, rollt die Kanone im kommenden Jahr schon beim Oktoberfest in München mit. Erftkurier, Sept. 2010


2. Der SC K. wird in diesem Jahr 100 Jahre alt – klar, dass auch diesmal wieder das traditionelle „Kuhfladenlotto“ im Veranstaltungskalender des Vereins nicht fehlen darf. Am 16. Juli kommt Kuh „Barbara“ ins Erft-Stadion. Wer auf das Feld setzt, auf das sie ihren Fladen fallen lässt, gewinnt 1.000 Euro.

Und nicht nur das: Weil der SCK Geburtstag hat, spendiert der Club außerdem noch eine Reise obendrauf. Dieser Extra-Gewinn wird unter allen Teilnehmern des Kuhfladenlottos zusätzlich ausgelost.

Unbestrittener Star des Abends ist aber neben Kuh „Barbara“ Schlagersängerin Antonia aus Tirol (Foto). [Auf dem Foto zeigt diese Antonia uns bzw. dem Fotografen zum Einen ihre blitzweißen Zähnchen, zum Anderen, wie sie gleichzeitig lieb und neckisch gucken kann. Und zum Dritten steht der Fotograf offenbar auf einem Stuhl oder auf einer Leiter, und so können wir mit ihm sehr gut sehen, was so ein Wonderbra unter einem großzügig dekolletierten rosa Dirndl anrichten kann. Weiter im Text:] Die hübsche Österreicherin kommt mit Titeln wie 1.000 Träume weit“ oder „Tränen lügen nicht“ auf die große Aktionsbühne im Erft-Stadion.

Die hübsche Sängerin hat es sogar dem sonst so sachlichen SC-Vereinschef J. B. angetan. „Eine tolle Erscheinung“, schmunzelt B. mit Blick auf Antonias schickes Dirndl [ja: „auf“, nicht „in“!]. Nicht umsonst singt die 31-Jährige aus Linz in einem ihrer Titel „Meine Super-Pampelmusen sind der Gipfel in der Blusen“. Erftkurier, Mai 2011

Ja, liebe Jungs und Mädels, Ihr habt richtig gelesen: 2011.

„Haha“, machen dann meine Thekennachbarn schon mal. „Das ist eben Provinz, Rich!“

Und dann sind sie wieder ein Weilchen abgelenkt, weil hinterm Tresen Hellja – weites T-Shirt, kein Wonderbra – sich bücken muss, um Herberts Söhnchen eine Limo aus dem Kühlfach zu holen.


p.s.: Aber nicht, dass Ihr meint, wir hätten hier draußen nur Männervergnügen und „Fleisch ist unser Obst“ im Kopf: Rund um das Kuhfladenlotto, heißt es weiter im Erftkurier, lockt ein großes Rahmenprogramm die Besucher nach K.; so wird es für alle Kinder eine „Motorrad-Quadbahn“ geben, auf der Kinder kostenlos fahren können, und das Lokalradio ist mit zahlreichen Mitmach-Aktionen und einer Hüpfburg vor Ort, und als Moderator ist wie in den Vorjahren DJ M. dabei.


p.p.s.: Vielleicht ist das Großstädter-Mitleid aber auch nicht ganz unberechtigt. Während ich darauf wartete, dass dieser Beitrag zum ersten Mal hochgeladen wurde, überkam mich ein körperliches Bedürfnis. Und während ich so auf meinem Provinzklo saß, stöberte ich ein bisschen in unserer Fernsehzeitung. „Mein Mann kann“ fiel mir ins Auge. Neugierig, was sich wohl dahinter verbergen mochte, las ich den Ankündigungstext darunter: Bei Britt Hagedorn stellen heute Promipaare ihr Können unter Beweis. Mit dabei: Detlef D! Soost und Kate Hall, Michael und Claudia Wendler, Jana Ina und Giovanni Zarella sowie Indira Weis und Jay Khan.

„Promipaare“? Die Leute oder zumindest deren Namen sollte man kennen?

Wer und was sind die …?!

Ich musste passen – außer über Herrn Soost war ich bis dato noch über keinen von denen gestolpert. Am Ende sollte ich doch mehr fernsehen, dachte ich mir. Und stieß dabei auch gleich auf die Erklärung für eine andere Frage, die mich seit meinem Umzug hierher beschäftigt: Das dörfliche Kneipensterben. Hier in der Provinz gehen die Leute nicht mehr in Kneipen. Weil sie nämlich abends vor dem Fernseher hocken oder liegen und sich Sendungen wie „Mein Mann kann“ oder „Das Promi-Dinner“ angucken. Wo Leute auftauchen, von denen ich noch nie in meinem Leben gehört habe. Weil aber all meine Nachbarn, statt sich um das Überleben ihrer Dorfkneipe zu sorgen, wo sie sich auch mal miteinander – oder sogar mit mir – unterhalten könnten (oder müssten?), regelmäßig diese Sendungen gucken, haben die Einschaltquoten, laufen also regelmäßig, und daher tauchen eben auch deren Akteure regelmäßig im Fernsehen auf. Und schon sind sie prominent.

Oder wie …?



’ne schöne Jrooß - Rich