richblog 0016: Lesen bildet (4)

2012-05-19


… natürlich tut es das – hat der Opa das nicht schon oft genug bewiesen?

Damit meint er aber nicht nur Bildung in Form von Sachwissen, das Gefüttertwerden mit Informationen; nein, es gibt ja auch so was wie Herzensbildung. Und wenn der Opa sich so umschaut in der Welt, im weltweiten Informationsfutternapf, wo ethische Kreuzworträtselbegriffe wie Moral, Ehre, Gerechtigkeit, Toleranz und Selbstverständlich-können-Sie-hier-rauchen immer weniger zu zählen scheinen und einen so traurig machenden Niedergang erleben, dass Kopfschütteln längst nicht mehr die angemessene Reaktion zu sein scheint, dann deucht solche Herzensbildung ihm notwendiger und dringlicher denn je.

Auch der Opa ist ja, wie so viele von uns, ein ambivalentes Wesen – wie hält man es aus, ein optimistischer Misanthrop zu sein, ein pessimistischer, unverbesserlicher Weltverbesserer? Wie kann man Dr. Jekyll und Mister Hyde gleichzeitig sein, Adam und Eva, Kain und Abel, Räuber und Gendarm, Cowboy und Indianer, Dick und Doof? Kettenraucher und Gesundheitsapostel, Nächtelang-an-Theken-Versacker und Kräuterteetrinker, Autor von Schundliteratur und Vertoner von Sufi-Lyrik, Eremit und Rampensau?

Et es, wie et es, sagt der Kölner; die Welt ist, was der Fall ist, sagt Wittgenstein, it ain’t why – it just is, sagt Van Morrison. Man lebt mit dem, was man ist. Man, lebt, wozu sich umbringen, sagt Adolf Muschg.

Ach ja, ein weiteres dieser dichotomischen Pärchen haben wir noch vergessen: Faulenzer und Blogschreiber. Worauf einen die modernen jungen Mädels erst wieder stoßen müssen: „Ich hab jetzt eine eigene Website, darf ich da einen Link zu Deinem richblog platzieren?” Klar darfst du das, Bibi; ich fühle mich sogar geehrt. Peinlich nur, dass mir erst dabei auffallen muss, dass der letzte Eintrag im richblog bereits ein halbes Jahr alt ist …

Okay, also: Aufraffen. Neuen Eintrag schreiben. Aber irgendwie fehlt dem Opa dieser Tage die Lust, schon wieder aufzuzählen, was ihn diesmal alles den Kopf schütteln lässt. Natürlich könnte er sich über die Zustände in Frankfurt auslassen, von wo es Meldungen gibt, die ihn sich dreißig Jahre jünger fühlen lassen. Eigentlich ein erfreulicher Effekt, sollte man meinen; so manche Oma würde aufjauchzen. Aber der Opa meint damit, dass er sich an Wackersdorf erinnert fühlt, an Brokdorf, Gorleben und die Startbahn West, an Tschernobyl, den Bonner Hofgarten und den Main-Donau-Kanal. An Staatsgewalt und Obrigkeitsdünkel also, an Betonköpfe und Blindgänger, an Unbelehrbare und Unbeugsame, an Wir-hier-oben und Ihr-da-unten, an Gewaltmonopolisten, Pseudo-Demokraten und Arschgesichter.

Dreißig Jahre, und nichts, aber auch gar nichts dazugelernt?

Nein, der Opa schüttelt zwar den Kopp, aber er wendet sich ab. Kopfschüttelnd und zähneknirschend. Winkt denen, die für ihn und seine Überzeugungen, für die bessere Welt, die er zumindest seinen Enkeln wünscht, mal wieder den Arsch hinhalten, noch einmal solidarisch und dankbar zu, wünscht ihnen Glück, Kraft und Ausdauer, all den Occupys und Blockupys, auf dass sie den Heiopeis kräftig einheizen, in die Suppe spucken, ja, denen vielleicht sogar ein wenig die Augen öffnen mögen.

Und er verdrückt heimlich ein Tränchen, weil die, die sich die 99% nennen, mit gerade mal ein paar Hundert Aufrechten gegen Tausende von Paragrafenreitern und Gummiknüppelschwingern antreten müssen. Weil es sich tatsächlich gerade mal um 1% handelt, das versucht, die 98% der dumpfen breiten Masse zum Aufmucken gegen das restliche 1% der globalen machtgeilen Gierschlunde zu bewegen.

Und ja, der Opa muss sich den Vorwurf gefallen lassen, doch eher zu dieser Masse zu gehören. Allerdings findet er, dass jemand, der vor eben diesen dreißig Jahren jahrelang bis zur Erschöpfung durch die Lande getingelt ist und überall, wo es eine Steckdose gab, „Anarchie in Germoney” und „Wir lieben das Land, nur der Staat muss weg”, „Fette Ratten” und „Die Bullen schlagen wieder zu” von der Bühne gegrölt hat, sich im Alter ein wenig altersgemäße Ruhe verdient hat. Und er hat nicht mal ein schlechtes Gewissen dabei, in seinem Garten zu sitzen, umweht von Lavendel- und Fliederduft darauf zu warten, dass Tomaten, Äpfel und Walnüsse reifen, und der Welt da draußen unter die Nase zu halten „Haben wir’s Euch nicht schon damals gesagt?!”

Die Welt braucht mehr gute Nachrichten, denkt er sich ja auch und gerade bei jeder Tagesschau. Er hat keine Lust mehr, Kinners, ewig bloß herum zu jammern und auf allem herum zu hacken, was falsch läuft auf diesem Planeten. Mal ganz davon abgesehen, dass von „ewig” schon gar keine Rede mehr sein kann, in seinem Alter.

Also dreht er sich ein Zigarettchen, obwohl er eigentlich seit sieben Wochen nicht mehr raucht, aber irgendwie muss man ja was gegen den Schmacht tun und gegen die Mücken und gegen den verdammten Lavendel anstinken, und blättert vergnügt in seinem Buch des Monats.

Es heißt Über das Trinken und ist geschrieben vom Kollegen Peter Richter, laut Klappentext im Hauptberuf Kunsthistoriker und Feuilletonredakteur bei der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. Ich weiß nun nicht genau, wieso jemand auf die Idee kommt, ausgerechnet mir ausgerechnet dieses Buch zu schenken – aber wie sie so ist, die alte Leseratte: natürlich interessiert sie sich auch für die abwegigsten Themen, also hab‘ ich mal drin rum geschmökert.

In Zeiten, in denen ganze Heerscharen von ehemaligen Jurastudenten, um nicht unter Brücken hausen oder gar arbeiten gehen zu müssen, davon leben, die Briefkästen kommunikativer aber ansonsten eher harmloser Bürger mit Abmahnbescheiden zu verstopfen, kann ich es leider nicht riskieren (obwohl mir eigentlich sehr danach wäre), nun stundenlang aus diesem vergnüglichen Werk zu zitieren. Nichts gegen eine lustige kleine Keilerei mit einem Schlipsträger, dem eine Briefkastenfirma in einem Plattenbau im Grunewald gehört – aber mir fehlt einfach die Muße, mich auf meine alten Tage mit so was rumzuschlagen. Ein kleiner Satz muss bedauerlicherweise reichen; der steht zwar auch in diesem Buch, aber zu der Zeit, als der Opa den zum ersten Mal nonchalant auf eine Theke tropfen ließ, war Herr Richter allenfalls vollauf damit beschäftigt, der Mutterbrust entwöhnt zu werden. Ohne mich also selbst juristischer Vorkenntnisse oder gar eines Jurastudiums zeihen zu können, schwinge ich mich hier zu der Behauptung empor: Dies ist kein das Urheberrecht verletzendes Zitat! Der Satz geht so:

Trinken sollte zum Rausch führen. Punkt.

Ich sagte ja: Vergnügliche Lektüre.

Dankeschön, auf Wiederseh’n.


p.s.: Okay, geben wir der Vernunft auch eine Chance – machen wir gleich auch ein bisschen Werbung in eigener Sache: Der Kölner Musiker und Produzent Hayo Stahl macht seit einiger Zeit auch in Hörbüchern. Um sein Programm auszubauen, erkundigte er sich bei mir, ob ich nicht ein paar unveröffentlichte Kurzgeschichten in der Schublade hätte und ob ich nicht, falls ja, Lust hätte, die in seinem Studio mal einem Mikrophon vorzulesen. Na ja, das Studio ist mitten in Köln, einer Stadt, die bekannt ist für meine Lieblingsbiersorte. Und so oft komme ich da heutzutage normalerweise ja auch nicht mehr hin …

Das Ergebnis dieser erfreulichen Zusammenarbeit findet Ihr hier.


Denkt daran: Wenn Ihr da nicht ordentlich Umsatz macht, muss der Opa schon wieder den Kopp schütteln. Und das diesmal sogar vor Gram und Tabakmangel.


Jetzt aber: Dankeschön, auf Wiederseh’n.



’ne schöne Jrooß - Rich