richblog 013: Lesen bildet (2)

2011-08-14


Laut Stern 33/2011, im Artikel Der Schuldencrash, lud Rick Perry, Gouverneur von Texas, Republikaner, Prediger und einer der möglichen nächsten Präsidentschaftskandidaten, neulich zum Gebet. Dreißigtausend Amis folgten der Einladung und versammelten sich im Reliant Stadium in Houston, um dem Prediger zu lauschen.

Und was erzählt der Mann so? Z.B. dies … und seine Stimme klang so, als würde er jeden Augenblick in Tränen ausbrechen: „Die größte Dunkelheit kommt kurz vor der Morgendämmerung.“

Oops. Kommt uns das nicht schwer bekannt vor? Gab es da nicht mal dieses Lied – Wenn die Nacht am tiefsten ist, ist der Tag am nächsten?

Doch, gab es.

Und ich fürchte, wenn Ihr mich jetzt hören könntet, würdet Ihr bekümmert den Kopf schütteln und einander zuflüstern: „Seine Stimme klingt so, als würde er jeden Augenblick in Tränen ausbrechen.“

Allerdings, Kinners. Ein republikanischer Präsidentschaftskandidat, Gouverneur des US-Staates mit den meisten vollstreckten Todesstrafen, zitiert Rio Reiser. Leider verrät der Stern uns nicht, ob Perry dazu auch Southern Comfort getrunken und Klavier gespielt hat. Und niemand kann uns verraten, was Rio jetzt denken mag, ob er sich womöglich im Grabe rumdreht und selbst in Tränen – oder in schallendes Gelächter ausbricht.

~

p.s.: Geständnis I: Jahrelang hab ich übrigens geglaubt, der Kollege Reiser würde wohl entschieden zu viel trinken, so viel nämlich, dass er gar nicht mehr wusste, was er da sang – ich hatte nämlich immer und immer wieder verstanden Wenn die Nacht am tiefsten ist, ist der Tag am längsten

Aber ich habe ja auch Nächte damit verbracht, an Diskothekentheken darüber zu grübeln, warum Bryan Ferry wohl There‘s a way to Harlem singt – bis ich den Song so lieb gewonnen hatte, dass ich mir die Platte besorgte. Und feststellen musste, dass er Dance Away The Heartache hieß …

Na ja, die Realität holt einen halt immer wieder ein.

Und oft ist sie ernüchternd.

Später musste ich dann ja auch z.B. feststellen, dass Rio tatsächlich zuviel trank.

Und dass wir beide recht hatten:

In der einen oder anderen Nacht, die ich mir mit ihm um die Ohren schlug (nein, nicht was Ihr denkt – ich rede von Nächten an obskuren Hotelbars), war der Tag plötzlich wirklich ziemlich nah.

Und, nach einer solchen Nacht, auch reichlich lang.

~

p.p.s.: Geständnis II: Ja, ich trank auch zuviel.

Natürlich.

Viele Wege führen nach Harlem.

~

Es ist eine merkwürdige Welt. Sagt nun der Stern wieder, allerdings ganz einer Meinung mit mir. Ausgerechnet die chinesischen Kommunisten belehren die USA darüber, wie der Kapitalismus funktioniert. Hä? Aus China ergießt sich ein breiter Strom billiger Konsumgüter in das Land [die USA]. Dafür bekommen die Chinesen Dollar, die sie bislang vor allem in US-Staatsanleihen angelegt haben. Davon halten sie 1,1 Billionen Dollar. Eine unfassbare Summe.

Von dem Trick hat das alte Schlitzohr Mao in seiner kleinen roten Bibel aber nix verraten …! Doch ich wette, er lacht sich in seinem Mausoleum den Arsch ab.

~

Der Stern hat auch Tröstliches für mich bereit (und wir reden hier immer noch vom selben Artikel): Im vergangenen Jahr hat die US-Regierung durchschnittlich 7.000 Dollar von jedem Bürger eingenommen, aber 11.000 Dollar pro Bürger ausgegeben. … Jeder weiß, dass das nicht ewig so weitergehen kann. Jau, das erinnert mich unangenehm an meine eigene Situation – seit Jahren kommt weniger rein, als rausgeht. Von diversen profanen Haushaltsposten abgesehen, wie neue Brille, Zahnarzt, Kleidung, Schrottkarre …, muss ich sogar schon seit Monaten überlegen, ob ich mir nicht den einzigen Luxus, der mir in meinem Leben noch bleibt – das Rauchen – doch endlich mal verkneifen sollte. Denn schließlich ist selbst mir klar, dass das nicht ewig so weitergehen kann.

Aber jetzt kommt‘s:

Nur wäre es fatal, wenn der Staat ausgerechnet jetzt die Ausgaben zusammenstreicht.

Ha! HA!! HAAA!!!

Das sagen Weltökonomen! Fachleute! Koryphäen!

Beruhigt drehe ich mir noch eine.

Und bin, jawohl, völlig überzeugt davon, dass es fatal wäre, damit jetzt aufzuhören.

Ausgerechnet jetzt, wo das Land jeden Cent Steuern verdammt gut gebrauchen kann.

Dieses Land. Mein Land. Unser Land. Dieses unsere Land.

Genüsslich rauche ich und rechne ein wenig vor mich hin:

Der Kaufpreis eines Päckchens Tabak enthält ca. 88 Prozent Steuern.

Macht in meinem Fall – Javaanse white, das Päckchen derzeit zu 5Euro50 – 4,84 Euro.

Das sind – bei einem Päckchen am Tag – 1.766,60 Euro im Jahr.

Und das ist nur die Tabaksteuer, ohne die Mehrwertsteuer für Blättchen und Feuerzeuggas.

Jetzt rechnet mal hoch, wie viel Kohle in die marode Staatskasse (Deutschland hat inzwischen 2 Billionen Euro Schulden) fließen würde, wenn sich 50 Millionen erwachsene Deutsche mich zum Vorbild nehmen würden – es wären 88.330.000.000 …! Euro!

Wir könnten fast die Hälfte unserer Staatsschulden innerhalb eines Jahres abdrücken!

Und da hätten wir noch kein einziges Bier getrunken …


Aaah … Schön sieht das aus, wie dieser weiße Rauchfaden vor dem farbigen Monitor gemächlich in die Höhe steigt, den Zug vom gekippten Fenster abkriegt, sich teilt und verteilt und, fast wie schwerelos, – frei! frei! – durch den Raum schwebt … und wie das duftet …!

Und wie schön das ist, was für ein erhebendes Gefühl: Ich darf ein reines Gewissen haben. Ich bin ein guter Mensch. Ich rauche. Für die Schulden meiner Mitbürger. Für die Griechenland-Hilfe und die Rettung von – hoppla aber auch! – verunglückten Landes- und Hypo-Banken. Für neue Autobahnen und Stuttgart 21. Für Castor-Transporte und Parteienfinanzierung. Für Politessengehälter und Politikerrenten. Für Schulreformen, Strafvollzug und Afghanistan-Krieg.  Für …


Och, guckt mal – ein Rauchring …!



’ne schöne Jrooß - Rich