Tom Waits und ich

Im Januar 2008 gab’s in der Leseshow fett&kursiv wieder mal eine Wunschgeschichte für mich. Das aus dem Publikum vorgegebene Thema diesmal:

Tom Waits & ich

Tom waits. … Ach, nee, ist ja ’ne deutsche Leseshow – also: Thomas wartet.

Thomas wartet wahrscheinlich längst auf mich. Thomas und Veedelnoh und Oblong und Emerson. Vielleicht sogar die drei Mädels aus Thomas’ WG, in der wir heute übernachten können. Vielleicht sogar mit denen. Aber es gibt Tage, da kann ich sie alle einfach nich’ mehr sehen. Gibt so Tage, da muss man mal raus, raus aus dem ewigen Rudel. Es ist Dezember; wir haben in diesem Jahr 159 Gigs gespielt. 159mal morgens in den Bus, der uns zwei bis neun Stunden zur nächsten Stadt fährt, 159mal den ganzen Klumpatsch ausladen, 159mal Soundcheck, 159mal ein paar Stunden abhängen, an irgendeiner Tischtennisplatte, einem Billardtisch, einem Flipper, einer Theke, 159mal umziehen in einer hässlichen, zu kleinen Garderobe, 159mal raus auf die Bühne, 159mal den Arsch ab und den Laden an die Erde gespielt, nach 159 Zugaben wieder umgezogen – raus aus den einen stinkigen Klamotten, rein in die anderen stinkigen Klamotten –, 159mal zusammen irgendwo versackt, 159mal zusammen in irgendeinem Zur Post, Zum Ochsen, Zum Adler oder in irgendeiner WG gelandet, 159mal das Frühstück verpennt, 159mal verkatert wieder in den Bus … Und bevor das alles losging, haben wir noch mindestens fuffzehn Mal geprobt. Und mindestens zwanzig Mal besprochen, was wir überhaupt proben sollen. Oder müssen. Oder wollen.

Ich muss mal alleine sein. Gerade heute.

Erste Kneipe links heißt unsere Devise, wenn irgendwas uns mal in einer fremden Stadt verstreut – der eine muss mal zur Post, der andere zur Bank, der dritte in eine Frittenbude; hier geben zwei irgendjemandem ein Interview, da muss einer neues Dope besorgen, dort braucht einer mal ein Stündchen länger, um sich von einer Gastgeberin zu verabschieden; oft genug gibt es gerade nach dem Gig großes Durcheinander – der eine zieht sich noch um, während zwei andere schon an der Theke sitzen und baggern und wieder andere bereits die Unterkunft bei einer neuen Gastgeberin begutachten…

Aber wenn man so lange und so exzessiv auf Tour ist wie wir von Penner’s Radio, dann entwickelt man ein Gespür für die richtigen und die falschen Kneipen. Erste Kneipe links ist, zumindest für den Anfang und zum Sammeln, meistens der richtige Tipp. Wobei man das natürlich nicht allzu wörtlich nehmen darf. Die Erste Kneipe links kann durchaus auch die dritte sein – da braucht’s dann eben das nach vielem, oft mühseligen und teurem Versuch & Irrtum entwickelte Gespür. Man kommt raus auf die Straße, guckt links und rechts, geht in die Richtung, in der die Straßen und Häuser schäbiger, die Leuchtreklamen billiger und funzeliger werden, und marschiert eventuell sogar an fünf Kneipen vorbei, ehe an der Ecke einer Seitenstraße die Tournase juckt: Erste Kneipe links. Wie oft bin ich dann da schon durch die Tür gekommen und gleich von großem Hallo und Da isser ja endlich! empfangen worden; wie oft saß ich da schon vor drei langsam schal werdenden Bieren an der Theke, wenn Veedelnoh und Emerson endlich auftauchten…

Heute lasse ich das, was ganz klar nach Erste Kneipe links aussieht, links liegen, biege rechts ab und latsche noch drei Blocks weiter, biege noch mal rechts ab – und muss mich schon fragen, ob meine Antenne nach 159 Treffern in diesem Jahr vielleicht schon etwas gelitten hat: Weit und breit keine Leuchtreklame mehr, nur ein finsterer Backstein-Mietbunker neben dem anderen, mit ein paar gelegentlichen fernseh-blau flackernden Fenstern. Kann doch gar nicht sein, denke ich, wir sind doch hier in Bremen – oder war es Karlsruhe? Osnabrück? Ich biege noch mal ab, diesmal links. Reihenhäuser. Die ärmliche, 30er Jahre Genossenschafts-Sorte. Unschlüssig bleibe ich stehen. Wieder zurück latschen? Mir ist kalt. Vielleicht mal jemanden fragen. Aber wen? Kein Schwein auf der Straße. Totenstille. Düren?

Da kommt ein Windstoß auf und weht mir ein paar Musikfetzen ans Ohr. Klingt wie Jessica von den Allman Brothers. Vielleicht nur eine Party irgendwo, privat, vielleicht bloß ein Autoradio. Muss ich riskieren. Ich gehe dem Klang nach, muss noch einmal links abbiegen. Straßenbahngleise, eine Sportanlage, ein Holzschuppen. Eine Bierreklame. Ein verschämter, flackernder Neon-Namenszug: Kuckucksnest. Zwei Motorräder vor der Tür. Und Jessica, ganz klar. Hallelujah, praise the Lord. Ich atme noch mal tief durch und gehe rein.

Wie so oft, merke ich erst nach dem Gang durch die frische Luft und im Dunst der nächsten Kneipe, dass ich gar nicht mehr so viel brauche, um lecker einen im Tee zu haben. Natürlich haben wir uns, wie üblich, vor dem Gig mit ein paar Flaschen Bier aufgewärmt, natürlich musste während des Gigs der Flüssigkeitsverlust durch die Schwitzerei mit ein paar weiteren Flaschen aufgefangen werden, und natürlich ist das erste, was man nach der Zugabe in der Garderobe macht, sich eine wohlverdiente kalte Pulle an den Hals zu setzen. Hatte ich auf meinem Marsch durch … Hannover? Ingolstadt? Nein, wir müssen im Norden sein: Jever Pils sagt die Reklame draußen – hatte ich draußen in der schneidenden Kälte jedenfalls gar nicht gemerkt. Ist aber auch wurscht – es ist halb zwölf, und ich hab’ mir was vorgenommen. Und wie man sieht, funktionieren meine Antennen noch bestens.

Hoffe ich. Erst mal überlege ich, ob der Kuckuck ein Zugvogel ist und im Süden überwintert – sein Nest jedenfalls ist quasi leer. Gerade mal drei Gestalten hängen an einer Theke herum, die für mindestens zwanzig Zecher gebaut ist. Tatsächlich gebaut – aus Backsteinen, grob verputzt, und oben drauf sind gehobelte Schalbretter gedübelt, die aussehen, als hätten sie vor der Eröffnung tatsächlich schon auf einer Baustelle gedient. Die Wände schwarz gestrichen, von bunten Spots angestrahlt eine Serie Wildwestfilmplakate, von Zwölf Uhr mittags über Für eine Handvoll Dollar bis Pale Riders, schön chronologisch. Zwei der drei Gäste knutschen am Nordende der Theke um eine Flasche Sekt herum, der dritte steht am Äquator, wirbelt eine verschwitzte grau-weiße Mähne durch die Gegend und spielt Luftgitarre zu Chuck Leavells Piano-Solo. Hinter dem Tresen feilt sich mein rettender Engel die Nägel. Zumindest hoffe ich, dass sie mein rettender Engel ist und nicht gleich hochguckt und »Feierabend!« kräht. Sie denkt gar nicht daran hochzugucken – Jessica dröhnt so laut durch den Laden, dass sie wahrscheinlich gar nicht gemerkt hat, wie jemand reingekommen ist. Ich pflanze mich auf einen Hocker am Südende. Von da aus kann ich auch sehen, dass das Nest so leer gar nicht ist – es gibt ein Hinterzimmer, wo ein paar Lederjacken um einen Billardtisch herumlungern. Quasi am Brummen, der Laden.

»Kuckuck!« rufe ich in Chucks Break hinein. Die Feile stoppt, der rothaarige Engel hebt den Kopf. Die größten und grünsten Augen, die ich je gesehen habe, leuchten mich an, als sei ich ein weiteres Filmplakat. Auch ihre brown eyes sind von beeindruckendem Format. Eigentlich alles an ihr, außer der grünen Bluse und dem schwarzen Lederrock. Ich kenn dich nich’, sagen die Augen, und meistens gefällt es mir nicht, wenn hier Langhaarige in Lederjacken, die ich kenne, und Langhaarige in Lederjacken, die ich nich’ kenne, aufeinandertreffen, sagen sie. Und dich kenn’ ich nich’, vielleicht sprechen wir nicht mal dieselbe Sprache, sagen sie. Aber ich bin ja Kosmopolit. Ich lächele sie an, mache den Mund auf und tippe mir dreimal mit dem Zeigefinger auf die Zunge: Durst. Nur ganz zart andeutungsweise verdreht sie die schönen Augen, dreht den Kopf und guckt sich erst fünf Sekunden die drei Hähne an der Zapfsäule an, dann wieder fünf Sekunden mich. Jessica kommt auf der Zielgeraden noch mal richtig auf Touren. Der Luftgitarrenspieler sieht aus, als würde er gleich abheben. Oder umkippen. Grünauge nimmt sich ein Pilsglas und lässt pures Gold hinein schießen. Dann wirft sie einen weiteren kurzen Blick zu mir herüber – und zapft gleich ein zweites an. Eine Fachkraft. Während der Schaum sich langsam und feierlich senkt, schaut sie missmutig auf die Feile, wirft sie in eine Schublade unter dem Schnapsregal, zieht an einer Kippe, die in einem Aschenbecher daneben vor sich hin kokelte, und trinkt einen letzten, gelblichen Schluck aus einem Rialtobecher. Dann macht sie das erste Pils fertig, klackert auf goldenen Stöckels zu mir rüber und stellt es vor mir auf einen Deckel.

»’n Ahmd«, sagt sie und hüllt mich in eine Wolke Ecstasy. 

»Super«, sage ich und nicke zu dem leeren Rialtobecher hin. »Und noch einen Wodka-O?« Wieder leuchten die riesigen grünen Augen mich an, immer noch ohne merklichen Ausdruck. Aber eine sorgsam zurecht gezupfte linke Augenbraue hebt sich, cirka vier Millimeter weit.

»Warum auch nich’?«, sagt sie und stöckelt wieder weg. Auch Jessica verabschiedet sich, warum auch nicht, nach 7 Minuten und 30 Sekunden.

»He, Kaddy, mach mir au’ no’ eins!«, schreit der Luftgitarrenspieler und strahlt über beide Backen. »Was ’ne Band, wa?«, schreit er zu mir rüber. Die Allman Brothers lassen sich nicht lumpen und bringen nahtlos den Ramblin’ Man in die Gänge. »Jau!«, johlt der Grauhaarige. Ein Altfreak. Eine Matte bis zum Arsch, ein Backenbart bis zum Zwerchfell, kein Fleisch auf den Rippen und ein Jeansanzug, der aussieht wie Ende der 60er selbst genäht. Er grabscht sich einen ledernen Tabaksbeutel von der Theke, dann stutzt er und guckt sich mich mit zusammengekniffenen Augen noch mal genauer an. Dann reißt er sie weit auf. »Mensch! Eure aber auch, wa! Echt goil, Alter! He, Kaddy, das is’ deä Schlachzeugä! Von hoide ahmd! Mann, ey! Supä!«

Ja. Super. Ich suche mir, um mal einmal meine Ruhe zu haben, die hinterletzte Kaschemme in diesem Kaff aus, es ist fast kein Mensch drinnen – und was treffe ich? Einen Penner’s Radio-Fan. Gut, dass sie das Zweite schon angezapft hat.

Und ob meine Antennen noch funktionieren. Sechs Bier später quetscht sich schon gut ein Dutzend Freaks um die Theke herum, nichts sieht nach Feierabend aus, Kaddy hat mir nach meinem fünften Pils und ihrem zweiten Wodka-O sogar die Andeutung eines Lächelns geschenkt, die Allman Brothers sind inzwischen passend bei Good Time Feeling angelangt, und mein neuer Freund Ossi hängt auf dem Hocker neben mir und liegt schwer auf meiner Schulter, einen Arm um meinen Nacken gelegt. Mit der anderen Hand schwenkt er ein schwappendes Pils in Richtung Musik; also in sämtliche Richtungen. Langsam fängt er an, mich müde zu quatschen; schließlich hat er mir schon einen ebenso langen wie breiten Vortrag darüber gehalten, was an unserem Auftritt heute gut und was Scheiße gewesen war – und das Schlimme ist, dass er mit dem Meisten davon auch noch recht hat. Klar:

»Ich wär’ ja fast auch Musiker gewor’n«, erklärt er mir. »Aber versuch ma’, noinssnhunnät…sechsunsechsunsechzig in Magdeburg ’ne E-Gitarre zu kriegen, wa. Keine Schangse, Alter, keine Schangse. Kaddy, mach no’ zwei!« Kaddy macht noch zwei. »Yeah!«, schreit Ossi, als Gregg und Duane Allman das zweistimmige Thema spielen. Auf seinen besonderen Wunsch läuft nämlich heute Abend nichts anderes als Allman Brothers – Gregg wird fünfzig, immerhin doppelt so alt wie sein Bruder geworden war. »Un’ weissu, warum ich mir heute die Kante gebe, Schlachzoigä? Ausgerechnet heute, am siehmten Dezembä?«

Ich überlege zwei Schlucke lang, ob ich ihm verraten soll, dass er mir das schon erzählt hat, und ob ich ihn mal fragen soll, was er denn eigentlich davon hält, dass sein Gitarrenheld nicht nur mal Cher geheiratet hat, und das sogar gleich zweimal, sondern in einem Drogenprozess 1976 seinen eigenen Arsch damit gerettet hat, dass er seinen Roadie verpfiffen und in den Knast gebracht hat. Aber ich komme zu dem Schluss, das wäre die Anstrengung nicht wert. Tue so, als wüsste ich es nicht, kaschiere mein Unwissen aber, indem ich ihm erkläre, ich hielte es beim Thema Kante-Geben sowieso eher mit Fritz Teufel – mir sei auch jedes andere Datum recht.

»Ja, Mann!«, schreit er, glotzt mich aus blutunterlaufenen Augen an und reißt in, vielleicht auch halb gespielter, Verzweiflung die Arme hoch. »Ja, weissu denn nich’, wer heute Geburtzach hat?!« Seine Verzweiflung scheint doch ernst und ziemlich groß zu sein – der Schwung seiner Arme wirft ihn nämlich nach hinten von seinem Hocker. Er fällt herunter wie ein nasser Sack, flach auf den Rücken, und sein Hinterkopf macht ein unangenehmes Geräusch auf dem zerschrammten Dielenboden. Aber er bringt das Kunststück fertig, dabei nicht einen Tropfen von seinem Bier zu verschütten. Da liegt er, wie ein umgedrehter Käfer, einen Fuß und die Hand mit seinem Glas in die Höhe gereckt, und starrt mich fragend und durchdringend an.

»Doch«, sage ich. »Siebter Dezember. Tom Waits und ich.«

***

Nee, wie die Zeit vergeht …! Diese Story wurde 2017 für würdig befunden, im Autoren-Adventskalender der rührigen und liebenswerten Kollegin Rega Kerner veröffentlicht zu werden. Dort und in weiteren Advents- und Osterkalendern gibt’s auch zahlreiche Geschichten anderer Autor:innen, die zu lesen sich lohnen! (Und Ihr könnt euch da auch mit einer eigenen bewerben …!)

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20 Minuten Arbeit

Sieben Millionen Deutsche lesen jede Woche den STERN, und schätzungsweise knapp die Hälfte davon schlägt als Erstes die letzte Seite auf – die mit der klassischen Rubrik Was macht eigentlich … Pünktchen, Pünktchen, Pünktchen? Immer wenn ich diese Seite aufschlage, ertappe ich eine aufmüpfige kleine Zelle irgendwo in meinem Hinterkopf dabei, wie sie damit rechnet, dass da eines Tages steht: Was macht eigentlich … Büb Klütsch? 

Hieß es nicht vor über zwanzig Jahren, als Nie wieder Apfelkorn erschien, es solle elf Büb-Klütsch-Bände geben? Elf Bände, in denen wir miterleben dürfen sollten, wie dieser Büb älter wird und was er so alles erlebt, bis er im Heute angekommen und so alt geworden ist wie wir? Und, was ist? Heute, 2011, gibt’s immer noch erst vier Bände …?

Tja. Ich sitze ja an der Quelle. Und Euch, meinen treuesten, herzallerliebsten Fans, kann ich es ja verraten: Büb ist im Hier und Heute angekommen. Er sitzt jetzt in einem kleinen Gartenhäuschen in Köln-Ehrenfeld und ist … Webdesigner. Ja, nix mehr mit Schlagzeug spielen, nix mehr mit Rock’n’Roll, nix mehr mit wilden, unglaubwürdigen kriminalistischen Abenteuern – nein, Büb lebt da ganz beschaulich in seinem Schrebergarten, hält sich (na ja – mit Hängen und Würgen) mit seinem Job über Wasser, und in seiner Freizeit baut er Kartoffeln, Bohnen und Erdbeeren an.

Nur manchmal noch, ab und zu, geht er in die Stadt …

 

»Wat nimmst du?!«, fragte Charlie und kippte sich ein halbes Bier in den Kopp. Das Entsetzen stand ihm deutlich ins Gesicht geschrieben. Entsetzen über den Betrag, den ich genannt hatte, Entsetzen über meine Blödheit. Und Mitleid.

»Wat nimmst du?!?«, fragte er noch mal.

»’Nen Heiermann.«

»Fünnnef Euro? Die Stunde?!«

»Mh. Aber im Gegensatz zu jedem dahergelaufenen gierigen Handwerker berechne ich nicht gleich jede angefangene Stunde, sondern rechne nach tatsächlich gearbeiteten Minuten ab.« Charlie winkte entgeistert und hektisch nach einer neuen Runde.

»Moment emal! Dat heißt, du kriegst dann für irjendeine popelije Änderung an irgendeiner Website, für die du zehn Minuten brauchst – lass misch reschnen – eh, fuffzisch Cent?«

»Du kannst nicht rechnen – zehn Minuten wären dann nicht ein Zehntel von dem Heiermann, sondern ein Sechstel. Also 83,3 Cent.«

»Boah. Dat is’ ja viel mehr …!«

»Eben.«

Charlie schüttelte fassungslos den Kopf.

»Isch kann nisch reschnen …« Er kippte das neue Bier auf Ex. Charlie konnte das – einfach den Mund aufmachen, nullkommazwei Liter Bier in den Hals schütten, und weg war es, ohne dass man ihn hätte schlucken sehen. Er winkte mit dem leeren Glas in seiner Rechten, zu Ferdi hin, damit der ihm ein neues zapfte, zu meinem noch halb vollen hin, damit Ferdi mir auch eins zapfte, und mit der Linken streckte er erst zwei Finger hoch und krümmte dann Daumen und Zeigefinger auf Schnapsglasgröße zusammen: Zwei Kabänes.

»Un’ sach ma’, Büb«, sagte er dann zu mir. »Un’ wovon lebst du so?« Ich trank erst mal mein Bier aus, um auf meinem Deckel Platz für das neue zu schaffen.

»Das ist einfach, Charlie. Wenn ich zwanzig Minuten gearbeitet hab’, mach’ ich Feierabend. Dann stecke ich mir meine 1Euro66 ein und gehe in irgendeine Kneipe. In Köln gibt’s davon 2.421. Aber meistens reichen mir meine sieben, acht Stammkneipen. Da setze ich mich an die Theke und bestelle das Bier, das ich mir jetzt leisten kann. Dank meiner Arbeit.«

»Zwanzisch Minuten«, brummte Charlie.

»Zwanzig Minuten. Und eigentlich immer kommt nach einer Weile irgendeiner zu mir und fragt mich, wie’s mir geht und was ich denn so mache.«

»So wie isch heute.«

»So wie du heute. Und dann erzähl’ ich das dem. Wie’s mir geht und was ich so mache.«

»Un’ dann jibt der dir entsetzt en Bier aus.«

»Jenau.«

»Oder zwei. Oder drei.«

»Jenau.«

»Un’ wenn du jehs’, bis’ du satt un’ besoffen.«

»Jenau.«

»Von 1Euro66. Zwanzisch Minuten Arbeit.«

»Jenau.«

»Un’ wat machst du, wenn keiner kommp?«

»Dann trink ich mein Bier aus, bezahle das, geh wieder nach Hause und arbeite noch mal zwanzig Minuten.« Eine ganze Weile lang starrte Charlie mich aus seinen wässrigen Augen an. So wie man im Garten sitzt und einer Ameise zuguckt, die unermüdlich ein Stück Fallobst nach Hause bugsiert, das zwanzig mal so groß ist wie sie und dreißig mal so schwer. Man beobachtet sie mit einer Mischung aus Mitleid, Bewunderung und Geringschätzigkeit – das arme, arme Vieh …! So ähnlich guckte Charlie mich an. Dann schüttelte er wieder den Kopf, nahm seinen Kabänes und klickte damit gegen meinen.

»Prost, Büb!«

Synchron kippten wir die Schnäpse, synchron knallten wir die leeren Gläschen auf die Theke. Automatisch griffen wir daraufhin unser Bier, zum Nachspülen. Mit seinem leeren Glas in der Hand starrte Charlie versonnen ein Weilchen erst auf meinen Deckel – ein Strich –, dann auf seinen – siebzehn Striche. Dann ruckte sein Kopf hoch. Er wühlte in seiner Hosentasche herum – und klatschte mir einen Zwanziger auf den Tresen.

»Weißte wat, Büb? Nimm den und jeh in ’ne andere Kneipe. Ehe ich dir ’nen Aschenbescher auf den Schädel haue.«

Ich bedankte mich bei ihm, zahlte mein Bier und noch eine Ehrenrunde. Beim Hinausgehen hörte ich noch, wie Charlie zu Ferdi sagte: »Mach mir noch ’n Kurzen – ich jlaub, der Büb will mich verarschen …!«

 

Am nächsten Vormittag saß ich, ein wenig verkatert, in meiner Laube und beguckte mir die verknüllten Scheine auf dem Tisch. Anscheinend hatte ich nachts noch versucht, sie zu zählen, war aber wohl dazu gar nicht mehr in der Lage gewesen. Jetzt ging’s. Einhundertfünfundvierzig Euro.

»Is’ doch gar nich’ so schlecht!«, sagte ich zu der Ameise auf der Fensterbank. »Für zwanzig Minuten Arbeit …!«

Anderthalb Stunden später hatte ich gut gefrühstückt, saß an meinem Schreibtisch und schaltete meinen Computer ein. Also, dachte ich, Band vier …

Aber da machte es Ping! – Eine neue E-Mail. Susi. Susi, von Susi sein Strickshop.

»Hallo! Kannste mir mal bitte mein neues Sonderangebot auf meine Website stellen? Und die Öffnungszeiten ändern – ich mach jetzt immer erst um elf auf. Danke!«

Tja, seufzte ich. Schon wieder zwanzig Minuten Arbeit. Man kommt zu nix.

Wie soll man da elf Romane zusammenkriegen …?

 

***

Das erste Mal

»Kreisen & drehen« lautete das Thema der Lesezeichen-Ausgabe im Dezember 2016 …

 

Kreisen & drehen … Gedanken, z.B., Erinnerungen. Die Erinnerungen älterer Menschen. Ist Euch sicher auch schon des Öfteren aufgefallen: Je älter Menschen werden, desto häufiger und lieber erinnern sie sich an immer weiter zurückliegende Dinge, Personen und Erlebnisse. Den Seufzer »Der Opa erzählt wieder vom Krieg« kennt Ihr sicher alle. Und sicher kennt Ihr auch die prompte Ermahnung der genervten Oma: »Jetz fang nit wieder vom Krieg an!« – die Oma, die dann ihrerseits, wenn der Opa beleidigt schweigt, von ihren Erlebnissen bei der Kinderlandverschickung 1942 schwärmt. Das ist eben so, bei den alten Leutchen. Zum einen lässt das Kurzzeitgedächtnis nach, zum anderen sind einem halt Dinge, die man schon dreißig Mal erzählt hat, besser im Gedächtnis verankert als irgendetwas, das erst letztes Jahr passiert ist. Und natürlich lässt die Erinnerung mit der Zeit vieles schöner erscheinen, als es tatsächlich war.

Die erste Zigarette. Der erste Kuss. Der erste Geschlechtsverkehr. In meiner Erinnerung z.B. war das Erstere ein tolles Abenteuer – dass es mir in Wahrheit stundenlang kotzübel war und die Tracht Prügel meiner Mutter daraufhin so gründlich ausfiel, dass ich zwei Tage nicht richtig sitzen konnte: von der Erinnerung verklärt: Boah, erste Zigarette … Super …! Na ja, ist ja auch schon sechzig Jahre her.

Der erste Kuss war … schlicht sensationell. Schwindelerregend. Auch ohne Beschönigung. Und der erste Geschlechtsverkehr … Mann … sensationell war gar kein Ausdruck. Na ja, genauer betrachtet unterschied er sich nicht allzu sehr vom ersten Kuss, außer dass die Beteiligten etwas weniger anhatten. Tatsächlich gestand das weibliche Wesen, das damals dabei war, mir neulich, nach einigen Bieren, sie hätte das so doll gar nicht gefunden.

»Ja, warum hast du denn nichts gesagt?«, hab ich sie gefragt. »Dann hätte ich doch aufgehört!«

Na ja, meinte sie, sie hätte schon überlegt, was zu sagen – aber ehe sie etwas hätte sagen können, sei es ja schon vorbei gewesen. Aber beim zweiten Mal sei es ja dann schon viel schöner gewesen.

»Ja, am Wochenende darauf, ne?«, sagte ich.

Nein, meinte sie. Am nächsten Tag. Mit dem schönen Achim. Das war dann der Zeitpunkt, wo ich den Schnaps zum Bier aus dem Kühlschrank holte.

»Du hast was …?!? Mit … mit dem …?!?«

Jaa …, sie hätte halt wissen wollen, ob’s an ihr lag oder an mir, dass es beim ersten Mal nicht so doll gewesen sei.

»Und …?!?«

Na ja, er sei halt schon etwas erfahrener gewesen und so …

»Was heißt das?«

Ach, ich solle das jetzt doch nicht so dramatisch …

»Was heißt ›und so‹?«

Ja, eben erfahrener. Der wusste halt schon, wie’s geht.

»Ja, der war ja auch zwei Jahre älter!«

Eben. Aber mit mir sei’s an dem Wochenende darauf ja dann auch sehr schön gewesen. Am Sonntag sogar noch schöner als am Samstag. Aber das drang gar nicht richtig zu mir durch.

»Mit dem schönen Achim …!«

Ach, ich solle mich nicht so anstellen – es hätte auch jeder andere sein können. Er hätte halt zufällig im gleichen Bus gesessen wie sie.

Ich bin erschüttert. Da dauert es fünfzig Jahre, bis ich erfahre, dass ich jahrelang mit einem zur Schule gegangen bin, der mit meiner ersten Liebe gevögelt hat, ohne ihm seine hübsche Schlittschuhläufernase platt zu klopfen …

Ach, komm, vergiss es, meinte sie. Mit ihm hätte sie dabei auch kein einziges Mal gelacht. Und danach auch nicht. Und die ganze Zeit sei diese furchtbare Platte von den Lords gelaufen.

»Ja, klar – The Lords! Das passt zu dem Fatzke! Aber was heißt denn ›die ganze Zeit‹?«

Na ja, es habe sich halt ’ne ganze Weile gezogen …

»Wie lange?!?«

Ach, das wisse sie doch jetzt nicht mehr. Es sei ja immer nur die eine Seite der LP gelaufen, weil der Plattenspieler die immer wieder von vorne … Und sie sei ja nun nicht gerade auf die Musik konzentriert gewesen.

»Sondern auf den schönen Achim …«

Ja, worauf denn sonst? Mitten im Verkehr zu sagen ›Boah, jetzt hör dir diesen Schlagzeuger an!‹ bringe ja wohl nur einer fertig …!

»Aber sicher nicht bei ’ner Lords-Platte!«

Da mussten wir dann doch beide lachen.

Außerdem, meinte sie dann, hätte es sich ja gelohnt, dass wir beide danach etliche Monate lang geübt hätten. Und das Wichtigste sei doch schließlich, dass ich der Erste gewesen sei, Ihr Erster. Und das sollten wir in Erinnerung behalten.

Und noch außerdemer, erklärte sie eine Weile später (Bier und Schnaps …), solle ich mich doch schon mal darauf einrichten – und es, wenn nötig, mit meiner Frau klären, dass sie beschlossen habe, sie wolle mit mir nicht nur ihren ersten Geschlechtsverkehr gehabt haben … sondern sie sei entschlossen, mit mir auch ihren letzten zu haben. Nein, nicht jetzt sofort – aber in ein paar Jahren.

Deshalb muss ich nun auch schließen – ich muss mal eben auf ebay gucken: die Auktion für diese LP von den Lords läuft gleich ab.

 

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