Ich hatte Glück
Heute ist der 4. Juli 2026.
Von Millionen Menschen als Unabhängigkeitstag gefeiert.
Ich feiere mit.
Ja, natürlich ist niemand von uns wirklich unabhängig. Wir alle sind abhängig von Luft, Sonnenlicht, Wasser, Nahrung. Strom. Politikern und ihren Entscheidungen. Gesetzen und Regeln. Von unseren Mitmenschen, ihrer Bereitschaft, sich an diese Regeln zu halten. Von ihrer Empathiefähigkeit. Von sozialen Kontakten. Liebe. Lust. Stimmungen. Tabak.
Nein, niemand kann völlig unabhängig sein – Unabhängigkeit ist immer relativ. Selbst Buddha brauchte gelegentlich was zu essen und zu trinken.
Aber jede und jeder von uns kann zumindest versuchen, sich so unabhängig wie möglich zu machen. Natürlich müssen die äußeren Umstände und Voraussetzungen das erlauben – mir ist bewusst, dass man es als Bürger von Nordkorea, Moskau, Kabul, Gaza oder als mexikanischer Einwanderer in Minneapolis da schwerer hat. Oder als Afrikaner in Neuruppin. Ich erlaube mir hier, vom Leben in einigermaßen zivilisierten Verhältnissen zu schreiben, in einem halbwegs freien Land – also im Grunde unter privilegierten Bedingungen.
Schreibe ich nicht sowieso immer über mich, über mich und meine kleine Blase?
Zwangsläufig – ich bin weder Journalist noch Wissenschaftler, weder habe ich mehr als eine leise Ahnung von Politik, noch reicht meine Autorenfantasie für Fantasy- oder Science Fiction-Literatur. Ich sitze hier nur faul auf meinem Arsch, gucke mich um, sehe dies, lese das und höre jenes und lasse meinem egozentrischen Mitteilungsbedürfnis mehr oder weniger freien Lauf.
»Ganz schön geschwätzig für einen Bassisten …! Und warum tust du das?«
Ex-Bassist, Gnädigste. Und ich tue das schlicht und einfach, weil ich es kann. Denn – siehe Titel – ich hatte Glück. Schon sehr früh in meinem Leben. Es fing schon an mit meiner Großmutter. Eine schöne, fast majestätische Witwe (ja, der verdammte Krieg) mit vier Söhnen und einer Tochter. Davon abgesehen, dass sie mir Manieren und Anstand beibrachte (»Sei immer freundlich – oder zumindest höflich. Sag bitte und danke und sei hilfsbereit zu jedem.«), hat sie von Anfang an meine Fantasie gefördert, mir mit beeindruckender Vorlesetechnik das Lesen beigebracht und mich schon früh alles lesen lassen, was in ihrem Bücherschrank stand. »Und merk dir, dass keine Frau dafür da ist, für dich zu kochen, waschen und putzen.« Weshalb sie mich grundsätzlich von kleinauf an sämtlichen Haushaltsarbeiten beteiligte. Und das auf eine so spielerische Art, dass ich Spaß daran hatte.
Hinzu kam, dass alle Erwachsenen in unserem Haushalt natürlich arbeiten mussten – ich war, bis ich in die Schule kam, meist den ganzen Tag allein zuhause. Mit all den Büchern und dem riesigen alten Radio mit dem großen grünen, freundlich blinkenden Auge. Zwar eingeschlossen, damit weder Fremde ins Haus kamen noch ich das Haus verlassen und irgendwelchen Unsinn anstellen konnte, aber in diesem strengen Rahmen doch mein eigener kleiner Herr, also relativ unabhängig. Was dazu führte, dass ich schon mit vier, fünf Jahren wusste, was ich mal werden wollte, wenn ich groß wäre: Ich wollte Geschichtenerzähler sein. Und Musiker. Und mit beidem Menschen so berühren, wie Hans Albers mich berührt hatte – Nimm mich mit, Kapitän, auf die Reise …
Klar gab es Widerstände. Selbstredend wollte meine Mutter, dass ich »was Anständiges« lerne und werde. Klar hatte ich es in der Schule schwer, schon in der ersten Klasse der Grundschule, weil ich besser lesen und vorlesen konnte als die Kollegen in der dritten, und erst recht auf dem Gymnasium, als einziger Arbeitersohn in einer Klasse von dreißig Schülern.
Aber ich hatte ja ein dickes Fell, damals schon. Und meine Vision. Niemand würde mich davon abbringen. Zweimal musste ich eine Klasse wiederholen, nicht weil ich zu dämlich war, sondern, wie mein langjähriger Klassenlehrer es nannte, »asozial«, als er meiner Mutter empfahl, mich von der Schule zu nehmen. Bzw. die Schule von mir zu befreien. Da war ich 16.
Oh ja, ich habe eine Menge gelernt, nicht nur in der Schule, sondern auch in zahllosen verschiedensten Jobs, die notwendig waren. Aber »was Anständiges«, das mich hätte halten können, war natürlich nicht dabei. Wie denn auch, schließlich hatte ich schon mit 14 meine erste Band. Ich bekomme keine Bassgitarre? Na gut, gehe ich halt sechs Sommerferienwochen auf dem Großmarkt Kisten schleppen und kaufe mir selbst eine. Ich kriege keinen Verstärker? Okay, spiele ich halt etliche Radios kaputt, arbeite in den anderen Ferien in irgendwelchen anderen Drecksjobs und kaufe mir selber einen.
Mit anderen Worten: Ich mache mich so unabhängig wie irgend möglich.
Und so habe ich es immer weiter gehalten. Geld? Tja, war natürlich oft notwendig, aber nie das Wichtigste, nie das Ausschlaggebende. Die Auftritte bringen nicht genug ein? Stelle ich mich halt zwischen den Tourneen hinter irgendwelche Tresen und zapfe Bier. Was Geld angeht, habe ich mich zeitlebens an Opa Klütsch gehalten: »Jeld, Jung? Mach dir nie Sorjen darum – et jibt noch Jeld, wenn wir schon lange nich’ mehr leben …« Ich habe mein Leben lang Schulden gemacht, wenn’s allzu eng wurde (und die alle zurückgezahlt). Ich kann’s mir nicht leisten, in einem Studio aufzunehmen? Stoppele ich mir halt selbst eins zusammen. Und wenn ich mal wieder Kohle hatte, hab ich sie verliehen oder verschenkt an andere, die es gerade brauchten, in bar oder in flüssiger Form. Oder mich – mit Vergnügen und aus Überzeugung – auf Benefizkonzerten und -lesungen mit Freibier begnügt. Und den Rest habe ich, wie George Best es mal so schön sagte: »… den Rest hab ich verprasst.«
Versoffen, verqualmt, was noch übrig war, nachdem ich reichlich in mein Studio, meine Mediathek und Bibliothek investiert hatte.
Ich hatte den Himmel auf Erden.
Im Alter verbrämt man ja gern die Erinnerungen, denkt nicht mehr an die Steine auf dem Weg, die Umwege, die Knüppel zwischen den Beinen, die Sackgassen. Es ist ja auch sehr viel gesünder für den Seelenfrieden, sich an die schönen Dinge zu erinnern.
Zum »Himmel auf Erden« gehören für mich fünf Szenarien:
• Mit einer geliebten Frau zusammen sein
• Musik machen
• Schreiben
• Versacken. Auf einem Barhocker an einer Theke sitzen und gemütlich trinkend die Zeit vergessen und die Welt da draußen ignorieren
• So gut wie möglich vor allem anderen seine Ruhe haben. Alle anderen Szenarien möglichst vermeiden, zumindest maximal kurz zu halten.
Tja, das habe ich all die Jahre weitgehend geschafft.
Jetzt bin ich 76.
Ende der 1970erjahre saßen wir mal wieder in einem Tourbus. Irgendwann war das Gesprächsthema mein kommender dreißigster Geburtstag. Den einige meiner Kollegen schon für erstaunlich hielten – nicht wirklich verwunderlich: Da war ich schließlich schon seit 15 Jahren Kettenraucher und ein recht trinkfreudiger Zeitgenosse. Das Gespräch gipfelte darin, dass Wetten angenommen wurden, wer von uns denn das sagenhafte Greisenalter von 50 erreichen würde.
Niemand setzte auf mich.
Jetzt bin ich 76. Und habe schon für drei der Kollegen die Trauerrede gehalten.
Und immer noch sitze ich an meinem Schreibtisch (es ist noch derselbe, selbst zusammengebaute wie vor fast 50 Jahren) und tue immer noch, was ich will und liebe. So autark und unabhängig wie möglich. Zwar muss ich einerseits nach wie vor arbeiten, um meinen Lebensunterhalt bestreiten zu können, weil meine Rente natürlich für nicht viel mehr als meinen Tabakkonsum reicht (wer hat denn schon mit 20, 30 an Rente gedacht?), aber andererseits wüsste ich ja gar nicht, womit ich den Rest meiner Lebenszeit verbringen sollte, wenn nicht mit Musikmachen und Schreiben.
Will sagen: Ich bin sehr froh, ziemlich glücklich – und sehr, sehr dankbar.
Nicht nur meiner Großmutter. Meinem ganzen Familienstammbaum, denn dem habe ich ja wohl genetisch eine Konstitution zu verdanken, die mir diverse Ärzte schon vor 20 Jahren, angesichts meines Lebenswandels kopfschüttelnd, bescheinigten. Einem Schicksal, das mich in den friedlichsten und florierendsten Zeiten aufwachsen ließ, die Deutschland wahrscheinlich je erlebt hat. All den Menschen in meinem Leben, die mir gut taten, die mich unterstützten, die mich sein ließen, wie ich war und bin, die mit mir feierten und litten, mich repektierten und liebten. Und auch denen, die mich aus Enttäuschungen etwas lernen ließen. All den Kollegen und Kolleginnen, die mit mir Proberäume, Tonstudios, Tourbusse, Künstlergarderoben und Bühnen teilten, mich inspirierten und zu persönlichen Höchstleistungen trieben – und mich Bescheidenheit lehrten. All die Fans, die mich mit ihrer Freude und Begeisterung auf Wolke Sieben schweben ließen. All die Wirtsleute, Kellnerinnen und Kellner, all die Thekenbekanntschaften, ohne die mein Leben ein so unvorstellbar anderes, trockeneres gewesen wäre. Und nicht zuletzt all den Musikern und Autorinnen auf der ganzen Welt, die mich mit ihren Werken bezaubert, verzaubert, berührt, beglückt, belehrt und inspiriert haben – danke, danke, danke!
Und deshalb feiere ich eben heute mit. Den 4. Juli. Independence Day.
(Unbedingter Hörtipp, übrigens, wie überhaupt das ganze Album!)
Während in Erfurt eine Bande von Irren ihren Parteitag abhalten. Leute, die an die Macht im Land streben, um die Voraussetzungen zu schaffen, dass individuelle Unabhängigkeit wieder unmöglich gemacht wird, zu einem Traum.
100 Jahre nach dem Reichsparteitag der Nazis in Weimar, ganz sicher nicht zufällig.
Der Opa schüttelt den Kopp …
Und hofft inständig, dass er diese Machtübernahme nicht mehr erleben muss.
Ach ja, hoffen und wünschen: Ich wünsche mir, dass mehr Menschen meine Bücher lesen. Also erst mal kaufen. Am besten noch vor der nächsten Erhöhung der Tabakpreise.
Aber nicht nur denen, sondern euch allen wünsche ich ein gutes, liebevolles, friedliches Leben – passt auf euch auf. Und auf alle anderen auch.
Oder wie die wunderbare Kollegin Christina Lux zu sagen pflegt: »Liebt, was das Zeug hält.«
Macht’s gut, bis demnächst,
’ne schöne Jrooß – Rich
