Das erste Mal

Das erste Mal

»Kreisen & drehen« lautete das Thema der Lesezeichen-Ausgabe im Dezember 2016 …

Kreisen & drehen … Gedanken, z.B., Erinnerungen. Die Erinnerungen älterer Menschen. Ist Euch sicher auch schon des Öfteren aufgefallen: Je älter Menschen werden, desto häufiger und lieber erinnern sie sich an immer weiter zurückliegende Dinge, Personen und Erlebnisse. Den Seufzer »Der Opa erzählt wieder vom Krieg« kennt Ihr sicher alle. Und sicher kennt Ihr auch die prompte Ermahnung der genervten Oma: »Jetz fang nit wieder vom Krieg an!« – die Oma, die dann ihrerseits, wenn der Opa beleidigt schweigt, von ihren Erlebnissen bei der Kinderlandverschickung 1942 schwärmt. Das ist eben so, bei den alten Leutchen. Zum einen lässt das Kurzzeitgedächtnis nach, zum anderen sind einem halt Dinge, die man schon dreißig Mal erzählt hat, besser im Gedächtnis verankert als irgendetwas, das erst letztes Jahr passiert ist. Und natürlich lässt die Erinnerung mit der Zeit vieles schöner erscheinen, als es tatsächlich war.

Die erste Zigarette. Der erste Kuss. Der erste Geschlechtsverkehr. In meiner Erinnerung z.B. war das Erstere ein tolles Abenteuer – dass es mir in Wahrheit stundenlang kotzübel war und die Tracht Prügel meiner Mutter daraufhin so gründlich ausfiel, dass ich zwei Tage nicht richtig sitzen konnte: von der Erinnerung verklärt: Boah, erste Zigarette … Super …! Na ja, ist ja auch schon sechzig Jahre her.
Der erste Kuss war … schlicht sensationell. Schwindelerregend. Auch ohne Beschönigung. Und der erste Geschlechtsverkehr … Mann … sensationell war gar kein Ausdruck. Na ja, genauer betrachtet unterschied er sich nicht allzu sehr vom ersten Kuss, außer dass die Beteiligten etwas weniger anhatten. Tatsächlich gestand das weibliche Wesen, das damals dabei war, mir neulich, nach einigen Bieren, sie hätte das so doll gar nicht gefunden.
»Ja, warum hast du denn nichts gesagt?«, hab ich sie gefragt. »Dann hätte ich doch aufgehört!«
Na ja, meinte sie, sie hätte schon überlegt, was zu sagen – aber ehe sie etwas hätte sagen können, sei es ja schon vorbei gewesen. Aber beim zweiten Mal sei es ja dann schon viel schöner gewesen.
»Ja, am Wochenende darauf, ne?«, sagte ich.
Nein, meinte sie. Am nächsten Tag. Mit dem schönen Achim. Das war dann der Zeitpunkt, wo ich den Schnaps zum Bier aus dem Kühlschrank holte.
»Du hast was …?!? Mit … mit dem …?!?«
Jaa …, sie hätte halt wissen wollen, ob’s an ihr lag oder an mir, dass es beim ersten Mal nicht so doll gewesen sei.
»Und …?!?«
Na ja, er sei halt schon etwas erfahrener gewesen und so …
»Was heißt das?«
Ach, ich solle das jetzt doch nicht so dramatisch …
»Was heißt ›und so‹?«
Ja, eben erfahrener. Der wusste halt schon, wie’s geht.
»Ja, der war ja auch zwei Jahre älter!«
Eben. Aber mit mir sei’s an dem Wochenende darauf ja dann auch sehr schön gewesen. Am Sonntag sogar noch schöner als am Samstag. Aber das drang gar nicht richtig zu mir durch.
»Mit dem schönen Achim …!«
Ach, ich solle mich nicht so anstellen – es hätte auch jeder andere sein können. Er hätte halt zufällig im gleichen Bus gesessen wie sie.
Ich bin erschüttert. Da dauert es fünfzig Jahre, bis ich erfahre, dass ich jahrelang mit einem zur Schule gegangen bin, der mit meiner ersten Liebe gevögelt hat, ohne ihm seine hübsche Schlittschuhläufernase platt zu klopfen …
Ach, komm, vergiss es, meinte sie. Mit ihm hätte sie dabei auch kein einziges Mal gelacht. Und danach auch nicht. Und die ganze Zeit sei diese furchtbare Platte von den Lords gelaufen.
»Ja, klar – The Lords! Das passt zu dem Fatzke! Aber was heißt denn ›die ganze Zeit‹?«
Na ja, es habe sich halt ’ne ganze Weile gezogen …
»Wie lange?!?«
Ach, das wisse sie doch jetzt nicht mehr. Es sei ja immer nur die eine Seite der LP gelaufen, weil der Plattenspieler die immer wieder von vorne … Und sie sei ja nun nicht gerade auf die Musik konzentriert gewesen.
»Sondern auf den schönen Achim …«
Ja, worauf denn sonst? Mitten im Verkehr zu sagen ›Boah, jetzt hör dir diesen Schlagzeuger an!‹ bringe ja wohl nur einer fertig …!
»Aber sicher nicht bei ’ner Lords-Platte!«
Da mussten wir dann doch beide lachen.
Außerdem, meinte sie dann, hätte es sich ja gelohnt, dass wir beide danach etliche Monate lang geübt hätten. Und das Wichtigste sei doch schließlich, dass ich der Erste gewesen sei, Ihr Erster. Und das sollten wir in Erinnerung behalten.
Und noch außerdemer, erklärte sie eine Weile später (Bier und Schnaps …), solle ich mich doch schon mal darauf einrichten – und es, wenn nötig, mit meiner Frau klären, dass sie beschlossen habe, sie wolle mit mir nicht nur ihren ersten Geschlechtsverkehr gehabt haben … sondern sie sei entschlossen, mit mir auch ihren letzten zu haben. Nein, nicht jetzt sofort – aber in ein paar Jahren.
Deshalb muss ich nun auch schließen – ich muss mal eben auf ebay gucken: die Auktion für diese LP von den Lords läuft gleich ab.

 

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