20 Minuten Arbeit

20 Minuten Arbeit

Sieben Millionen Deutsche lesen jede Woche den STERN, und schätzungsweise knapp die Hälfte davon schlägt als Erstes die letzte Seite auf – die mit der klassischen Rubrik Was macht eigentlich … Pünktchen, Pünktchen, Pünktchen? Immer wenn ich diese Seite aufschlage, ertappe ich eine aufmüpfige kleine Zelle irgendwo in meinem Hinterkopf dabei, wie sie damit rechnet, dass da eines Tages steht: Was macht eigentlich … Büb Klütsch?
Hieß es nicht vor über zwanzig Jahren, als Nie wieder Apfelkorn erschien, es solle elf Büb-Klütsch-Bände geben? Elf Bände, in denen wir miterleben dürfen sollten, wie dieser Büb älter wird und was er so alles erlebt, bis er im Heute angekommen und so alt geworden ist wie wir? Und, was ist? Heute, 2011, gibt’s immer noch erst vier Bände …?

Tja. Ich sitze ja an der Quelle. Und Euch, meinen treuesten, herzallerliebsten Fans, kann ich es ja verraten: Büb ist im Hier und Heute angekommen. Er sitzt jetzt in einem kleinen Gartenhäuschen in Köln-Ehrenfeld und ist … Webdesigner. Ja, nix mehr mit Schlagzeug spielen, nix mehr mit Rock’n’Roll, nix mehr mit wilden, unglaubwürdigen kriminalistischen Abenteuern – nein, Büb lebt da ganz beschaulich in seinem Schrebergarten, hält sich (na ja – mit Hängen und Würgen) mit seinem Job über Wasser, und in seiner Freizeit baut er Kartoffeln, Bohnen und Erdbeeren an.
Nur manchmal noch, ab und zu, geht er in die Stadt …

»Wat nimmst du?!«, fragte Charlie und kippte sich ein halbes Bier in den Kopp. Das Entsetzen stand ihm deutlich ins Gesicht geschrieben. Entsetzen über den Betrag, den ich genannt hatte, Entsetzen über meine Blödheit. Und Mitleid.
»Wat nimmst du?!?«, fragte er noch mal.
»’Nen Heiermann.«
»Fünnnef Euro? Die Stunde?!«
»Mh. Aber im Gegensatz zu jedem dahergelaufenen gierigen Handwerker berechne ich nicht gleich jede angefangene Stunde, sondern rechne nach tatsächlich gearbeiteten Minuten ab.« Charlie winkte entgeistert und hektisch nach einer neuen Runde.
»Moment emal! Dat heißt, du kriegst dann für irjendeine popelije Änderung an irgendeiner Website, für die du zehn Minuten brauchst – lass misch reschnen – eh, fuffzisch Cent?«
»Du kannst nicht rechnen – zehn Minuten wären dann nicht ein Zehntel von dem Heiermann, sondern ein Sechstel. Also 83,3 Cent.«
»Boah. Dat is’ ja viel mehr …!«
»Eben.«
Charlie schüttelte fassungslos den Kopf.
»Isch kann nisch reschnen …« Er kippte das neue Bier auf Ex. Charlie konnte das – einfach den Mund aufmachen, nullkommazwei Liter Bier in den Hals schütten, und weg war es, ohne dass man ihn hätte schlucken sehen. Er winkte mit dem leeren Glas in seiner Rechten, zu Ferdi hin, damit der ihm ein neues zapfte, zu meinem noch halb vollen hin, damit Ferdi mir auch eins zapfte, und mit der Linken streckte er erst zwei Finger hoch und krümmte dann Daumen und Zeigefinger auf Schnapsglasgröße zusammen: Zwei Kabänes.
»Un’ sach ma’, Büb«, sagte er dann zu mir. »Un’ wovon lebst du so?« Ich trank erst mal mein Bier aus, um auf meinem Deckel Platz für das neue zu schaffen.
»Das ist einfach, Charlie. Wenn ich zwanzig Minuten gearbeitet hab’, mach’ ich Feierabend. Dann stecke ich mir meine 1Euro66 ein und gehe in irgendeine Kneipe. In Köln gibt’s davon 2.421. Aber meistens reichen mir meine sieben, acht Stammkneipen. Da setze ich mich an die Theke und bestelle das Bier, das ich mir jetzt leisten kann. Dank meiner Arbeit.«
»Zwanzisch Minuten«, brummte Charlie.
»Zwanzig Minuten. Und eigentlich immer kommt nach einer Weile irgendeiner zu mir und fragt mich, wie’s mir geht und was ich denn so mache.«
»So wie isch heute.«
»So wie du heute. Und dann erzähl’ ich das dem. Wie’s mir geht und was ich so mache.«
»Un’ dann jibt der dir entsetzt en Bier aus.«
»Jenau.«
»Oder zwei. Oder drei.«
»Jenau.«
»Un’ wenn du jehs’, bis’ du satt un’ besoffen.«
»Jenau.«
»Von 1Euro66. Zwanzisch Minuten Arbeit.«
»Jenau.«
»Un’ wat machst du, wenn keiner kommp?«
»Dann trink ich mein Bier aus, bezahle das, geh wieder nach Hause und arbeite noch mal zwanzig Minuten.« Eine ganze Weile lang starrte Charlie mich aus seinen wässrigen Augen an. So wie man im Garten sitzt und einer Ameise zuguckt, die unermüdlich ein Stück Fallobst nach Hause bugsiert, das zwanzig mal so groß ist wie sie und dreißig mal so schwer. Man beobachtet sie mit einer Mischung aus Mitleid, Bewunderung und Geringschätzigkeit – das arme, arme Vieh …! So ähnlich guckte Charlie mich an. Dann schüttelte er wieder den Kopf, nahm seinen Kabänes und klickte damit gegen meinen.
»Prost, Büb!«
Synchron kippten wir die Schnäpse, synchron knallten wir die leeren Gläschen auf die Theke. Automatisch griffen wir daraufhin unser Bier, zum Nachspülen. Mit seinem leeren Glas in der Hand starrte Charlie versonnen ein Weilchen erst auf meinen Deckel – ein Strich –, dann auf seinen – siebzehn Striche. Dann ruckte sein Kopf hoch. Er wühlte in seiner Hosentasche herum – und klatschte mir einen Zwanziger auf den Tresen.
»Weißte wat, Büb? Nimm den und jeh in ’ne andere Kneipe. Ehe ich dir ’nen Aschenbescher auf den Schädel haue.«
Ich bedankte mich bei ihm, zahlte mein Bier und noch eine Ehrenrunde. Beim Hinausgehen hörte ich noch, wie Charlie zu Ferdi sagte: »Mach mir noch ’n Kurzen – ich jlaub, der Büb will mich verarschen …!«

Am nächsten Vormittag saß ich, ein wenig verkatert, in meiner Laube und beguckte mir die verknüllten Scheine auf dem Tisch. Anscheinend hatte ich nachts noch versucht, sie zu zählen, war aber wohl dazu gar nicht mehr in der Lage gewesen. Jetzt ging’s. Einhundertfünfundvierzig Euro.
»Is’ doch gar nich’ so schlecht!«, sagte ich zu der Ameise auf der Fensterbank. »Für zwanzig Minuten Arbeit …!«
Anderthalb Stunden später hatte ich gut gefrühstückt, saß an meinem Schreibtisch und schaltete meinen Computer ein. Also, dachte ich, Band vier …
Aber da machte es Ping! – Eine neue E-Mail. Susi. Susi, von Susi sein Strickshop.
»Hallo! Kannste mir mal bitte mein neues Sonderangebot auf meine Website stellen? Und die Öffnungszeiten ändern – ich mach jetzt immer erst um elf auf. Danke!«
Tja, seufzte ich. Schon wieder zwanzig Minuten Arbeit. Man kommt zu nix.
Wie soll man da elf Romane zusammenkriegen …?

 

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